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Turicum & Tigurum

Turicum – Zürich vor Zürich

Kelten, Römer und die Frage, woher der Name Zürich wirklich stammt

Wer nach dem Anfang Zürichs sucht, landet irgendwann auf dem Lindenhof.

Heute sitzen dort Menschen unter den Linden, spielen Schach, schauen über die Limmat zum Grossmünster oder gehen achtlos an einer unscheinbaren Kopie eines römischen Grabsteins vorbei.

Doch genau dieser Stein gehört zu den wichtigsten historischen Zeugnissen Zürichs.

Er erzählt vom Tod eines kleinen Jungen.

Von seinen trauernden Eltern.

Von einem römischen Zollbeamten.

Von einem internationalen Handelsweg.

Und er enthält die älteste erhaltene Nennung des Namens, aus dem unser heutiges Zürich hervorgegangen ist:

TURICUM

Doch selbst Turicum ist nicht der Anfang.

Der Name ist älter als die Römer.

Seine Wurzeln führen zurück zu den Kelten – und möglicherweise sogar zu einem längst verschwundenen Gewässer namens Tura.

Zürich begann nicht mit den Römern

Noch 1986 feierte Zürich offiziell sein 2000-jähriges Bestehen.

Man ging damals davon aus, dass die eigentliche Siedlungsgeschichte Zürichs ungefähr mit der römischen Besetzung des Alpenraums um 15 v. Chr. begonnen habe.

Archäologische Untersuchungen der letzten Jahrzehnte haben dieses Bild grundlegend verändert.

Heute wissen wir, dass rund um den Lindenhof bereits mehrere Generationen vor der römischen Eroberung eine bedeutende spätkeltische Siedlung bestand.

Die Stadtarchäologie setzt deren Entstehung ungefähr um 80 v. Chr. beziehungsweise in die erste Hälfte des 1. Jahrhunderts v. Chr. an.

Die Bewohner gehörten zur civitas der Helvetier, deren Gebiet grosse Teile des heutigen Schweizer Mittellandes umfasste. Die Stadt Zürich bezeichnet die Anlage heute als spätkeltische frühstädtische Siedlung beziehungsweise Oppidum.

Damit ist klar:

Zürich ist älter als das römische Turicum.

Warum entstand die Siedlung genau hier?

Der heutige Lindenhof ist kein künstlich aufgeschütteter Stadthügel.

Er ist Teil eines Moränenwalls, den der Linthgletscher während der letzten Eiszeit hinterlassen hat.

Der Hügel erhebt sich deutlich über Limmat und See und bot dadurch Schutz, Überblick und Kontrolle über die Verkehrswege.

Doch die Landschaft sah damals vollkommen anders aus als heute.

Die Sihl spielte dabei eine entscheidende Rolle.

Sie lagerte enorme Mengen Schotter ab, bildete Deltas und veränderte ihren Lauf immer wieder. Zeitweise staute ihr Geschiebe den Zürichsee so stark zurück, dass das Wasser bis unmittelbar an den Lindenhofhügel reichte.

Die heutige Bahnhofstrasse, der Paradeplatz und grosse Bereiche der City liegen teilweise auf Ablagerungen der Sihl.

Der Lindenhof lag deshalb mitten in einer von Wasser geprägten Landschaft:

  • Zürichsee

  • Limmat

  • Sihl

  • Seiten- und Mündungsarme

  • Kiesinseln

  • Feuchtgebiete

  • Überschwemmungsflächen

Genau diese Situation wird später bei der Frage nach dem Namen Turicum noch sehr wichtig werden.

Das keltische Zürich

Die bekannten keltischen Siedlungsspuren konzentrieren sich vor allem auf das linke Limmatufer:

  • Lindenhof

  • Rennweg

  • Fortunagasse

  • Oetenbachgasse

  • Münzplatz

  • Bereich der heutigen Bahnhofstrasse

Gefunden wurden Reste von Holzbauten, Feuerstellen, Keramik, Tierknochen, Handwerksspuren und importierten Waren.

Italischer Wein erreichte die Siedlung bereits vor der römischen Eroberung.

Die Bewohner waren also keineswegs isoliert.

Sie waren in weitreichende Handelsnetze eingebunden.

Wurde in Zürich bereits keltisches Geld hergestellt?

Besonders spannend sind Funde sogenannter Tüpfelplatten.

Dabei handelt es sich um keramische Platten mit kleinen Vertiefungen.

In diesen Vertiefungen konnten genau portionierte Metallmengen erhitzt werden. Die daraus gewonnenen Metallrohlinge dienten anschliessend zur Herstellung von Münzen.

Solche Tüpfelplatten wurden am Rennweg gefunden.

Das deutet darauf hin, dass im keltischen Zürich möglicherweise Münzrohlinge und Münzen hergestellt wurden.

Dazu passt ein spektakulärer älterer Fund:

1890 kam bei der damaligen Alten Börse ein Klumpen von mehr als 18'000 teilweise zusammengeschmolzenen spätkeltischen Münzen zum Vorschein.

Die Stadtarchäologie wertet diese Funde als Hinweis darauf, dass die Siedlung eine gewisse Zentralfunktion für ihr Umland besessen haben dürfte.

Und wie hiess dieses keltische Zürich?

Genau hier beginnt eines der spannendsten Probleme der Zürcher Frühgeschichte.

Wir wissen nicht, wie ein keltischer Bewohner seine Siedlung geschrieben hätte.

Wir besitzen keine keltische Ortstafel.

Keine keltische Urkunde.

Keine keltische Inschrift aus Zürich nennt den Namen.

Doch der spätere römische Name:

TURICUM

ist eindeutig vorrömischen Ursprungs.

Die Römer haben den Namen sehr wahrscheinlich nicht erfunden.

Sie haben einen bereits bestehenden einheimischen Ortsnamen übernommen und latinisiert.

Die zugrunde liegende gallisch-keltische Form wird ungefähr als

*Turicon / *Turikon

rekonstruiert.

Das Sternchen bedeutet:

Diese Form ist sprachwissenschaftlich erschlossen, aber nicht direkt schriftlich überliefert.

Bedeutet Zürich „Stadt des Turo“?

Das ist die traditionelle und bis heute sehr verbreitete Erklärung.

Die Stadt Zürich selbst formuliert:

„Ort des Turo“

und auch das Schweizerische Nationalmuseum erklärt Turicum über einen keltischen oder möglicherweise noch älteren Personennamen:

Turo – Turos – Turus.

Sprachwissenschaftlich wird die Form gewöhnlich etwa so rekonstruiert:

*Turīcon

Darin steckt nach dieser Erklärung der Personenname:

Tūros

und ein keltisches Zugehörigkeitssuffix:

-īcon / -īko-

Das Ganze bedeutete ungefähr:

„das zu Tūros Gehörende“

oder auf eine Siedlung bezogen:

„der Ort des Tūros“

beziehungsweise:

„die Siedlung des Tūros“.

„Stadt des Turo“ ist also nicht ganz wörtlich

Für eine Führung lässt sich durchaus sagen:

„Zürich bedeutet wahrscheinlich ursprünglich so etwas wie Stadt oder Siedlung des Turo.“

Historisch präziser ist aber:

„Siedlung des Tūros“ oder „Ort des Tūros“.

Denn das keltische Suffix bedeutet nicht wörtlich „Stadt“.

Es drückt zunächst eine Zugehörigkeit aus.

Man könnte es sinngemäss verstehen als:

„der Ort, der zu Tūros gehört“.

Wer war Turo?

Das wissen wir nicht.

Und das ist wichtig.

Es existiert keine Quelle, die uns einen Zürcher Stammesführer, Fürsten oder Grundbesitzer namens Turo nennt.

Der Mann wird allein aus dem Ortsnamen erschlossen.

Falls die traditionelle Erklärung stimmt, könnte Tūros beispielsweise ein:

  • lokaler Grundbesitzer,

  • Sippenführer,

  • politisch bedeutender Mann,

  • Gründer,

  • oder sonstiger Namensgeber

gewesen sein.

Aber das bleibt Spekulation.

Wir können lediglich sagen:

Der Personenname Tūros ist im keltischen Sprachraum grundsätzlich plausibel und vergleichbare Namen sind anderswo belegt.

Hat Turo etwas mit einem Turm zu tun?

Nein – jedenfalls lässt sich dafür kein sprachwissenschaftlicher Beleg erkennen.

Die Ähnlichkeit zwischen:

Turo

und dem deutschen Wort:

Turm

ist verführerisch, aber etymologisch nicht begründet.

Das deutsche Wort Turm hat eine andere Sprachgeschichte.

Auch eine Deutung im Sinne von:

„Stadt des Turms“

sollte deshalb vermieden werden.

Das „Tur-“ von Turicum ist wesentlich älter als das mittelalterliche deutsche Zürich.

Doch es gibt eine zweite Theorie

Und genau hier wird die Geschichte besonders interessant.

Denn nicht alle Namenforscher sind überzeugt, dass hinter Turicum ein Mann namens Tūros steckt.

Eine ernstzunehmende alternative Erklärung lautet:

Vielleicht war Tura kein Mensch – sondern ein Gewässer.

Dann wäre Turicum nicht:

„Siedlung des Tūros“

sondern ungefähr:

„Ort an der Tura“

oder präziser:

„der zur Tura gehörende Ort“.

Woher kommt die Tura-Theorie?

Einer der wichtigsten Vertreter dieser Erklärung ist der Schweizer Romanist und Namenforscher Wulf Müller.

2007 veröffentlichte Müller in der Nouvelle revue d'onomastique einen Beitrag mit dem Titel:

„Turegum = Zürich“

und entwickelte seine Erklärung später ausführlicher unter dem Titel:

„Túricum – Turegum – Zürich“.

Der Ausgangspunkt seiner Überlegung ist erstaunlicherweise ein einzelner Vokal.

Das E in Turegum

Im Frühmittelalter erscheint Zürich nämlich wiederholt in Formen wie:

Turigo

oder:

Turegum.

Das ist sprachgeschichtlich interessant.

Turīcum oder Túricum?

Die traditionelle Personennamen-Theorie geht von einem langen ī aus:

Turīcum

Bei langer vorletzter Silbe liegt im Lateinischen die Betonung auf dieser Silbe:

Tu-RĪ-cum.

Daraus wird die rekonstruierte keltische Form:

*Turīcon

und damit die Ableitung:

Tūros + -īcon.

Müllers Alternative

Müller geht dagegen von einem kurzen i aus.

Dann wäre die lateinische Form eher ausgesprochen worden als:

Túricum

mit Betonung auf der ersten Silbe.

Unter bestimmten romanischen Lautentwicklungen könnte das kurze unbetonte i später zu e geworden sein.

Aus:

Túricum

würde damit:

Turegum.

Und genau diese Form begegnet uns im Frühmittelalter tatsächlich.

Und damit verändert sich auch die Bedeutung des Suffixes

Müller setzt ein keltisches Suffix:

-ĭko-

an.

Solche Bildungen kommen bei keltischen Ortsnamen vor und können besonders gut mit Gewässernamen verbunden werden.

Dann könnte die zugrunde liegende Form gewesen sein:

*Tura

oder:

*Turos.

Das wäre nicht der Name eines Menschen.

Sondern der Name eines Gewässers.

Welches Gewässer könnte Tura gewesen sein?

Müller und spätere Autoren denken insbesondere an einen ehemaligen:

Mündungs- oder Seitenarm der Sihl

beziehungsweise einen Wasserlauf im Bereich zwischen Sihl, Lindenhof und Limmat.

Teilweise wird auch die Limmat selbst in die Überlegungen einbezogen.

Das ist topografisch keineswegs abwegig.

Denn genau dort, wo sich das keltische Zürich entwickelte, bestand eine dynamische Gewässerlandschaft.

Die Sihl konnte den Moränenwall durchbrechen und neue Arme bilden.

Für das Gebiet der späteren Zürcher Innenstadt sind alte Sihlverläufe archäologisch beziehungsweise geologisch nachweisbar.

Aber Vorsicht: Einen Fluss namens Tura haben wir nicht gefunden

Das ist die entscheidende Einschränkung.

Es existiert bislang:

  • keine antike Karte mit einer Zürcher Tura,

  • keine Inschrift mit diesem Gewässernamen,

  • kein römischer Text, der eine Tura bei Zürich nennt,

  • keine mittelalterliche Urkunde, welche diesen Namen bewahrt.

Die Tura wird sprachwissenschaftlich rekonstruiert.

Man darf deshalb nicht schreiben:

„Die Sihl hiess bei den Kelten Tura.“

Das wäre zu stark.

Wissenschaftlich sauber ist:

**Eine neuere namenwissenschaftliche Hypothese leitet Turicum von einem keltischen Gewässernamen Tura/Turos ab, der möglicherweise einen ehemaligen Sihlarm oder einen Wasserlauf im Zürcher Mündungsgebiet bezeichnete.

Hat Tura etwas mit der Thur zu tun?

Hier wird es nochmals interessant.

Die Form Tura/Turos ist als alter Gewässername beziehungsweise Gewässernamenstamm auch ausserhalb Zürichs bekannt.

Als Vergleich wird unter anderem die heutige:

Thur

herangezogen.

SRF fasste die Diskussion 2024 entsprechend zusammen: Sowohl ein keltischer Personenname Tūros als auch ein keltischer Gewässername Tura/Turos besitzen sprachliche Parallelen.

Doch auch hier gilt:

Die Ähnlichkeit zur Thur beweist nicht, dass ein Zürcher Gewässer tatsächlich Tura hiess.

Sie zeigt lediglich:

Der rekonstruierte Gewässername wäre sprachgeschichtlich durchaus plausibel.

Die Tura-Theorie ist inzwischen mehr als eine Randidee

Besonders interessant ist eine neuere Untersuchung von Albrecht Greule und Andrea Francesco Lanzicher zur Toponymie der helvetischen civitas.

Der Fachartikel erschien 2024 in den Namenkundlichen Informationen.

Die Autoren untersuchen die Namen spätkeltischer Zentralorte gemeinsam mit den archäologischen Befunden.

Für Zürich schreiben sie, dass der Name umstritten sei und dass im Vergleich mit anderen keltisch-römischen Ortsnamen Müllers Erklärung überzeugend erscheine.

Dabei interpretieren sie Túrikon als Ableitung vom Namen eines ehemaligen Überlaufs beziehungsweise Wasserlaufes der Sihl zur Limmat:

*Tura / *Turos.

Das verändert die Bewertung etwas.

Man sollte die Tura-Theorie deshalb nicht einfach als exotische Randhypothese abtun.

Sie wird von ernstzunehmenden Fachleuten vertreten.

Was spricht trotzdem für Tūros?

Der renommierte Schweizer Namenforscher Andres Max Kristol widersprach Müller bereits 2007.

Ein wichtiges Argument sind die romanischen Formen des Stadtnamens.

Rätoromanisch heisst Zürich beispielsweise:

Turitg

und italienisch:

Zurigo.

Diese Formen können auf eine alte Betonung der zweiten Silbe hinweisen.

Das wiederum passt besser zu:

Turīcon

mit langem ī

und damit zur traditionellen Ableitung vom Personennamen:

Tūros.

Kristol weist zudem darauf hin, dass Ortsnamen in verschiedenen Sprachen komplizierte Entwicklungen durchlaufen können und die mittelalterlichen Formen nicht automatisch eine ursprüngliche Erstbetonung beweisen.

Der heutige Forschungsstand

Es gibt deshalb keinen Grund, eine der beiden Erklärungen als endgültig bewiesen darzustellen.

Am saubersten ist folgende Einordnung:

Traditionelle und weiterhin weit verbreitete Erklärung

*Turīcon = „Siedlung des Tūros“

Ausgangspunkt ist ein keltischer Personenname Tūros.

Diese Erklärung verwenden unter anderem:

  • Stadt Zürich

  • Schweizerisches Nationalmuseum

  • Lexikon der schweizerischen Gemeindenamen

  • Zürcher Siedlungsnamenbuch in seiner traditionellen Deutung

Neuere ernstzunehmende Alternative

*Túrikon = Ableitung von *Tura/*Turos

Ausgangspunkt wäre ein keltischer Gewässername, möglicherweise ein ehemaliger Sihlarm.

Diese Erklärung geht insbesondere auf Wulf Müller zurück und wird in der jüngeren Forschung etwa von Greule und Lanzicher unterstützt.

Und dann kamen die Römer

Bereits einige Jahrzehnte vor der eigentlichen Eingliederung des Gebiets in das Römische Reich lassen sich römische Einflüsse und militärische Präsenz erkennen.

Im Zusammenhang mit den Alpenfeldzügen unter Augustus geriet das Gebiet um 15 v. Chr. endgültig unter römische Kontrolle.

Die keltische Bevölkerung verschwand jedoch nicht einfach.

Die bestehende Siedlung entwickelte sich weiter.

Aus dem vorrömischen:

*Turicon

wurde in lateinischer Form:

TURICUM.

Die Römer übernahmen also sehr wahrscheinlich den bestehenden Namen.

Turicum wird zur römischen Kleinstadt

Turicum war keine Grossstadt wie Aventicum oder Augusta Raurica.

Es war ein:

vicus

also eine offene römische Kleinstadt beziehungsweise grössere Siedlung.

Vom ursprünglichen Schwerpunkt auf und um den Lindenhof dehnte sich Turicum im Verlauf des 1. Jahrhunderts n. Chr. gegen die Limmat aus.

Um etwa 70/75 n. Chr. entstand am Fuss des Lindenhofs ein neues Quartier.

Auch auf dem rechten Limmatufer wurde nun gebaut.

Die Stadtarchäologie kann inzwischen mehr als 200 römische Fundstellen in Zürich in ein Gesamtbild einordnen.

Ein Hafenquartier unterhalb des Lindenhofs

Das Gebiet um:

  • Weinplatz,

  • Schipfe,

  • Thermengasse,

  • Storchengasse

entwickelte sich zu einem besonders wichtigen Bereich.

Hier standen unter anderem:

  • öffentliche Bauten,

  • Lager- und Gewerbegebäude,

  • Badeanlagen,

  • Kultbauten,

  • Schiffsanlegestellen.

Turicum war damit stark auf den Wasserverkehr ausgerichtet.

Die römischen Thermen

In der heutigen Thermengasse sind noch immer Reste einer römischen Badeanlage sichtbar.

Ein römisches Bad war weit mehr als eine Dusche.

Thermen waren Orte:

  • der Körperpflege,

  • der Freizeit,

  • der Begegnung,

  • des Informationsaustauschs,

  • teilweise auch geschäftlicher Kontakte.

Dass Turicum über eine solche Anlage verfügte, zeigt den kleinstädtischen und relativ komfortablen Charakter der Siedlung.

Warum war Turicum wichtig?

Die Antwort lautet:

Lage, Wasser und Handel.

Über die Alpenpässe gelangten Menschen und Waren aus Norditalien in den Raum der heutigen Schweiz.

Ein bedeutender Verkehrsweg führte über:

Bündner Pässe

Alpenrheintal

Walensee

Zürichsee

Turicum

Limmat

Aare

Rhein.

Am Ausfluss des Zürichsees mussten Waren teilweise umgeladen und für den Weitertransport organisiert werden.

Turicum war daher:

Verkehrsknotenpunkt, Umladeort, Etappenstation und Zollplatz.

Die Zollstation von Turicum

Wir wissen von dieser Zollstation durch einen einzigen Stein.

Und damit gelangen wir zu einem der bemerkenswertesten Fundstücke der Zürcher Geschichte.

Der Grabstein des Lucius Aelius Urbicus

1747 wurde auf dem Lindenhof bei Erdarbeiten ein römischer Grabstein entdeckt.

Er besteht aus Kalkstein und ist ungefähr:

  • 130 Zentimeter hoch

  • rund 62–63 Zentimeter breit

  • etwa 37 Zentimeter tief

Der Stein ist in zwei Teile gebrochen und teilweise beschädigt.

Archäologisch wird er heute als Grabaltar beziehungsweise Grabstele bezeichnet.

Das Original befindet sich heute im:

Schweizerischen Nationalmuseum in Zürich.

Die bekannte Kopie beim Aufgang von der Pfalzgasse zum Lindenhof wurde wesentlich später angebracht.

Der Stein lag ursprünglich wahrscheinlich gar nicht auf dem Lindenhof

Das ist ein Detail, das häufig vergessen wird.

Der Stein wurde zwar auf dem Lindenhof gefunden.

Das bedeutet aber nicht automatisch, dass Lucius dort begraben lag.

Das Schweizerische Nationalmuseum geht davon aus, dass der Grabstein ursprünglich zu einem römischen Gräberfeld gehörte und später als Baumaterial auf den Lindenhof gelangte.

Solche wiederverwendeten Bauteile nennt man:

Spolien.

Gerade beim Bau spätantiker Befestigungen wurden ältere Steine häufig erneut verwendet.

Damit bleibt der ursprüngliche Grabplatz von Lucius letztlich unsicher.

Die Inschrift

Die Inschrift lautet in aufgelöster Form:

D(IS) M(ANIBUS)

HIC SITUS EST

L(UCIUS) AEL(IUS) URBICUS

QUI VIXIT AN(NO)

UNO M(ENSIBUS) V D(IEBUS) V

UNIO AUG(USTI) LIB(ERTUS)

P(RAE)P(OSITUS) STA(TIONIS) TURICEN(SIS)

XL G(ALLIARUM) ET AEL(IA) SECUNDIN(A)

P(ARENTES) DULCISSIM(O) F(ILIO)

Der Stein ist als CIL XIII 5244 in das Corpus Inscriptionum Latinarum aufgenommen.

Was bedeutet das?

Sinngemäss:

Den Totengeistern geweiht. Hier liegt Lucius Aelius Urbicus. Er lebte ein Jahr, fünf Monate und fünf Tage. Unio, kaiserlicher Freigelassener und Vorsteher der Zollstation von Turicum des gallischen Vierzigstelzolls, und Aelia Secundina, die Eltern, ihrem innigst geliebten Sohn.

D M – Den Geistern der Verstorbenen

Ganz oben stehen die Buchstaben:

D · M

Sie stehen für:

Dis Manibus

also ungefähr:

„den Manen geweiht“.

Die Manes waren in der römischen Religion die verehrten Geister der Verstorbenen.

Schon die ersten beiden Buchstaben versetzen uns deshalb unmittelbar in die religiöse Vorstellungswelt des Römischen Reiches.

HIC SITUS EST

Dann folgt:

HIC SITUS EST

„Hier liegt …“

Danach erscheint der Name des Kindes:

LUCIUS AELIUS URBICUS.

Ein Jahr, fünf Monate und fünf Tage

Der Stein nennt das Alter ungewöhnlich genau:

ein Jahr

fünf Monate

fünf Tage.

Lucius war also noch keine anderthalb Jahre alt.

Diese Genauigkeit ist emotional bemerkenswert.

Seine Eltern kannten nicht nur sein Alter in Jahren.

Sie zählten die Monate.

Und sogar die Tage.

Sein Vater: Unio

Der Vater trägt den Namen:

UNIO.

Dann folgt:

AUGUSTI LIBERTUS

Das sollte korrekt übersetzt werden als:

„Freigelassener des Kaisers“

oder:

„kaiserlicher Freigelassener“.

Manchmal liest man die Übersetzung:

„von Augustus freigelassen“.

Das ist missverständlich.

Augustus ist hier ein Herrschertitel, nicht zwingend der Name des ersten Kaisers Augustus.

Der Grabstein stammt ungefähr aus dem späteren 2. Jahrhundert – Kaiser Augustus war bereits im Jahr 14 n. Chr. gestorben.

Unio gehörte vielmehr zum Umfeld der kaiserlichen Verwaltung und hatte ursprünglich den Rechtsstatus eines Sklaven besessen, bevor er freigelassen worden war.

Unio war ein hoher Zollbeamter

Entscheidend ist die nächste Bezeichnung:

PRAEPOSITUS STATIONIS TURICENSIS

Praepositus bedeutet:

Vorsteher, Leiter oder Verantwortlicher.

Statio bezeichnet hier eine Amts- beziehungsweise Zollstelle.

Und:

Turicensis

bedeutet:

„zu Turicum gehörend“

„von Turicum“

„turicensisch“.

Unio war damit:

Vorsteher der Zollstation von Turicum.

Auf dem Stein steht streng genommen nicht „TURICUM“

Das ist eine besonders schöne historische Feinheit.

Der Stein enthält nicht die Buchstabenfolge:

TURICUM

sondern:

TURICEN(SIS).

Das ist das Adjektiv:

Turicensis.

Aus diesem Adjektiv lässt sich der Ortsname:

Turicum

sprachlich eindeutig erschliessen.

Deshalb formulieren Stadt Zürich und Nationalmuseum korrekt:

Turicum ist ein gesicherter Rückschluss aus TURICENSIS.

XL GALLIARUM – der Vierzigstelzoll

Dann folgt eine weitere bemerkenswerte Abkürzung:

XL G

XL ist die römische Zahl:

40.

Gemeint ist die:

Quadragesima Galliarum

also wörtlich ungefähr:

„der Vierzigste der gallischen Gebiete“.

Es handelt sich um einen römischen Zoll.

Ein Vierzigstel entspricht:

1 / 40 = 2,5 Prozent.

Der Grabstein beweist damit gleichzeitig:

  1. den Namen Turicum

  2. die Existenz einer römischen Zollstation

und damit die wirtschaftliche Bedeutung des Ortes.

Aelia Secundina – die Mutter

Auf dem Stein wird ausdrücklich auch die Mutter genannt:

AELIA SECUNDINA.

Damit kennen wir von dieser Familie tatsächlich drei Namen:

Lucius Aelius Urbicus

Unio

Aelia Secundina.

Doch über ihr weiteres Leben wissen wir nichts.

Die vielleicht bewegendsten Worte stehen am Schluss

Die letzte Zeile lautet:

PARENTES DULCISSIMO FILIO

Sinngemäss:

„die Eltern ihrem innigst geliebten Sohn.“

Dulcissimus ist der Superlativ von dulcis – süss, lieb, teuer.

Man kann übersetzen:

  • dem liebsten Sohn

  • dem allerliebsten Sohn

  • dem innigst geliebten Sohn

  • dem süssesten Söhnchen

Was vor fast zweitausend Jahren als private Trauer in Stein gemeisselt wurde, ist heute eines der wichtigsten historischen Zeugnisse Zürichs.

Ein totes Kind gab Zürich seinen antiken Namen zurück

Und genau darin liegt die ungewöhnliche Kraft dieses Fundes.

Unsere erste direkte historische Nachricht über den Namen Zürichs ist:

kein Siegesdenkmal.

Keine Kaiserinschrift.

Kein Triumphbogen.

Keine Stadtgründungsurkunde.

Sondern:

der Grabstein eines kleinen Kindes.

1747 – ein Fund verändert die Geschichte Zürichs

Der Grabstein wurde 1747 entdeckt.

Der Zürcher Altertumsforscher und Professor Johann Caspar Hagenbuch erkannte seine ausserordentliche Bedeutung praktisch sofort.

Noch im selben Jahr veröffentlichte er eine gelehrte Untersuchung darüber.

Ihr Titel lautete:

Tesserakostologion Turicense

beziehungsweise ausführlicher sinngemäss:

eine Untersuchung jener antiken Inschrift, aus der erstmals bekannt werde, dass in Zürich unter den römischen Kaisern eine Station des gallischen Vierzigstelzolls bestanden habe.

Der Fund gehört damit gleichzeitig zu den frühen Meilensteinen der wissenschaftlichen Archäologie Zürichs.

Vor 1747 glaubte man an Tigurum

Die Bedeutung des Fundes wird noch grösser, wenn man weiss, was die Zürcher vorher glaubten.

Während Renaissance und Humanismus hatte sich für Zürich die lateinische Bezeichnung:

TIGURUM

eingebürgert.

Humanistische Gelehrte verbanden Zürich mit den bei Julius Caesar erwähnten:

Tigurinern.

Die Tigurini waren ein Teilverband der Helvetier.

Man glaubte deshalb, Zürich könne ihr Zentrum gewesen sein.

Aus Zürich wurde im gelehrten Latein:

Tigurum

und aus einem Zürcher:

Tigurinus.

Auch Huldrych Zwingli verwendete diese Bezeichnungen.

Dann erschien TURICENSIS

1747 stand plötzlich etwas anderes in Stein:

TURICENSIS.

Damit war klar:

Der antike Ortsname lautete nicht Tigurum.

Sondern:

TURICUM.

Die humanistische Gleichsetzung Zürichs mit den Tigurinern verlor damit ihre sprachliche Grundlage.

Der Lindenhof – mehr als zweitausend Jahre Zürich an einem Ort

Der Grabstein passt kaum irgendwo besser hin als an den Lindenhof.

Denn dieser Hügel ist tatsächlich eine Art archäologischer Querschnitt durch die gesamte Stadtgeschichte.

Eiszeit

Der Linthgletscher formt den Moränenhügel.

Kelten

Im 1. Jahrhundert v. Chr. entsteht hier eine frühstädtische Siedlung.

Römer

Römisches Militär nutzt den strategischen Punkt.

Turicum entwickelt sich rund um den Hügel und hinunter zur Limmat.

Spätantike

Im 4. Jahrhundert entsteht auf dem Lindenhof ein stark befestigtes Kastell.

Frühmittelalter

Die alten römischen Befestigungen werden teilweise weitergenutzt.

Karolinger

Im 9. Jahrhundert entsteht eine grosse Königspfalz.

Ottonisch-salische Zeit

Im 11. Jahrhundert wird eine noch monumentalere Pfalzanlage errichtet.

1218

Mit dem Ende der zähringischen Reichsvogtei verliert die Burg ihre bisherige Funktion.

Mittelalterliche Stadt

Der Lindenhof entwickelt sich zunehmend zum öffentlichen Platz.

Neuzeit

Er wird zum gesellschaftlichen Treffpunkt, Festplatz und schliesslich zu jener Grünanlage, die wir heute kennen.

Unter den Füssen liegt noch immer das römische Kastell

Teile der spätantiken Kastellmauer existieren noch.

Die Stadt Zürich bezeichnet sie als die älteste noch erhaltene Mauer Zürichs.

Abschnitte der römischen Befestigung tragen bis heute Teile der Stützmauer der Lindenhofterrasse.

Unter dem heutigen Lindenhof befindet sich ausserdem der sogenannte:

Lindenhof-Keller.

Dort sind Reste des römischen Kastells und der mittelalterlichen Königspfalz erhalten.

Ein Ort der Macht über fast 1500 Jahre

Das ist vielleicht die eigentliche Bedeutung des Lindenhofs.

Die Kelten erkannten die strategische Lage.

Die Römer erkannten sie.

Die spätantiken Militärbehörden erkannten sie.

Fränkische und mittelalterliche Herrscher erkannten sie.

Über viele Jahrhunderte war dieser Hügel:

Beobachtungspunkt

Schutzpunkt

Verwaltungsort

Herrschaftszentrum.

Erst später wurde aus dem Machtzentrum ein öffentlicher Platz.

Franz Hohler und das tote Kind von Turicum

Der Zürcher Schriftsteller Franz Hohler hat genau diesen Gegensatz zwischen dem reichen modernen Zürich und dem Grab des kleinen Lucius in seinem Gedicht:

„Turicum“

aufgegriffen.

Das Gedicht erschien in der Sammlung Vierzig vorbei und ist heute auch in einer autorisierten Fassung bei Lyrikline veröffentlicht.

Hohler beginnt sinngemäss mit dem Gedanken:

Die erste Nachricht, die uns aus Zürich erreicht, ist der Tod eines Kindes.

Er stellt das römische Zollamt des Vaters der modernen Finanzstadt gegenüber.

Vom heutigen Banken- und Geschäftszentrum sind es tatsächlich nur wenige Minuten zum Lindenhof.

Und am Ende reduziert Hohler zweitausend Jahre Stadtgeschichte wieder auf das Menschlichste überhaupt:

„dann liegt zuunterst doch / ein totes Kind / und eine Trauer“

© Franz Hohler, „Turicum“, aus Vierzig vorbei.

Das vollständige Gedicht sollte aus urheberrechtlichen Gründen nicht ohne Genehmigung auf einer Website übernommen werden.

Doch der Gedanke passt aussergewöhnlich gut zum Ort.

Denn unter allen Geschichten über Römer, Zölle, Kelten, Handel und Macht bleibt am Ende ein Grabstein übrig, den zwei Eltern für ihr Kind errichten liessen.

Von Turicum zu Zürich

Auch nach dem Ende der römischen Herrschaft verschwand der Name nicht.

Er veränderte sich mit den Sprachen seiner Bewohner.

Die sprachgeschichtliche Entwicklung lässt sich vereinfacht ungefähr so darstellen:

*Turicon / *Turikon

keltische beziehungsweise gallische Ausgangsform

Turicum

latinisierte Form

Turigo / Turegum

frühmittelalterliche beziehungsweise romanisch-lateinische Formen

Ziurichi

frühe germanische Form

Zurih / Zurich

mittelalterliche Formen

Zürich

neuhochdeutsche Form

Züri

zürichdeutsche Alltagsform.

Das Zürcher Siedlungsnamenbuch dokumentiert bereits frühmittelalterliche Formen wie Turigo, während die Stadt Zürich auf Ziurichi beim sogenannten Geographen von Ravenna um 680/700 verweist.

Wie wurde aus T ein Z?

Dieser Wandel gehört zur sogenannten:

hochdeutschen Lautverschiebung.

Ein ursprüngliches t konnte sich im Deutschen zu z entwickeln.

Ein bekanntes Vergleichspaar ist:

Englisch: two

Deutsch: zwei.

Ähnlich entwickelte sich:

Tur-

zu:

Zur-.

Weitere Lautentwicklungen und der Einfluss des nachfolgenden i führten schliesslich in Richtung:

Zürich.

Und warum sagen wir „Züri“?

Im Zürcher Dialekt ist das auslautende:

-ch

verschwunden.

Aus Zürich wurde im alltäglichen Sprachgebrauch:

Züri.

Das Erstaunliche daran:

Wer heute „Züri“ sagt, verwendet damit die jüngste Form eines Namens, dessen Kern möglicherweise schon vor mehr als 2100 Jahren verwendet wurde.

Vom Turo zur Tura – was können wir heute tatsächlich sagen?

Nach heutigem Forschungsstand lässt sich die Geschichte des Namens ungefähr so zusammenfassen:

Sicher

Der römische Ort hiess:

Turicum.

Das wissen wir durch Turicensis auf dem Grabstein des Lucius Aelius Urbicus.

Ebenfalls sehr wahrscheinlich

Turicum ist kein ursprünglich lateinischer Name.

Die Römer übernahmen einen älteren einheimischen, wahrscheinlich keltischen Ortsnamen.

Traditionelle Erklärung

Die Vorform:

*Turīcon

geht auf einen keltischen Personennamen:

Tūros

zurück.

Bedeutung:

„Ort/Siedlung des Tūros“.

Alternative neuere Erklärung

Die Form:

*Túrikon

könnte von einem keltischen Gewässernamen:

*Tura / *Turos

abgeleitet sein.

Gemeint wäre möglicherweise ein ehemaliger Arm oder Überlauf der Sihl in Richtung Limmat.

Nicht bewiesen

Wir kennen weder einen historischen Zürcher namens Tūros noch eine schriftlich belegte Zürcher Tura.

Beide werden aus dem Namen sprachwissenschaftlich erschlossen.

Vielleicht verdankt Zürich seinen Namen also einem Menschen

Vielleicht stand vor mehr als zweitausend Jahren auf dem Lindenhof eine Siedlung, die nach einem Mann namens:

Tūros

benannt wurde.

Dann würde Zürich bis heute den Namen eines Menschen bewahren, über den wir sonst absolut nichts wissen.

Vielleicht verdankt Zürich seinen Namen aber dem Wasser

Vielleicht bezeichnete:

Tura

einen heute verschwundenen Wasserlauf.

Dann hätte Zürich seinen Namen nicht von einem Herrscher oder Gründer erhalten.

Sondern von jener Landschaft, die seine Entwicklung überhaupt erst möglich machte:

See

Sihl

Limmat

Wasserwege.

Gerade angesichts der Bedeutung des Wasserverkehrs für das keltische und römische Zürich wäre das eine bemerkenswert passende Erklärung.

Ein Name, ein Stein und ein Kind

Vielleicht werden wir nie mit letzter Sicherheit wissen, ob hinter Turicum:

ein Mann namens Tūros

oder ein Gewässer namens Tura

stand.

Doch etwas anderes wissen wir.

Um das Ende des 2. Jahrhunderts lebte in Turicum ein kleines Kind.

Es hiess:

Lucius Aelius Urbicus.

Sein Vater Unio leitete die römische Zollstation.

Seine Mutter hiess Aelia Secundina.

Lucius starb nach:

einem Jahr, fünf Monaten und fünf Tagen.

Seine Eltern liessen einen Stein errichten.

Fast anderthalb Jahrtausende später wurde dieser Stein auf dem Lindenhof wiederentdeckt.

Und durch die Worte:

STATIONIS TURICENSIS

gab dieses verstorbene Kind Zürich seinen antiken Namen zurück.

Turicum ist deshalb mehr als das römische Zürich

Turicum verbindet:

Kelten und Römer.

Wasser und Handel.

Lindenhof und Limmat.

Archäologie und Sprachgeschichte.

Grosspolitik und private Trauer.

Und vielleicht liegt genau darin die faszinierendste Erkenntnis:

Der Name Zürich überlebte Römer, Alemannen, Franken, Kaiser, Könige, Reformation, Kriege und Jahrhunderte der Stadtentwicklung.

Gebäude verschwanden.

Flussarme verschwanden.

Sprachen verschwanden.

Reiche verschwanden.

Doch der Name blieb.

Turicon.

Turicum.

Turegum.

Ziurichi.

Zürich.

Züri.

Quellen und weiterführende Forschung

Stadtarchäologie Zürich

Turicum I – Zürich in der Spätlatène- und frühen Kaiserzeit
Grundlage zur keltischen Vorgängersiedlung, Münzproduktion und frühen Entwicklung Zürichs. Stadt Zürich – Turicum I

Turicum II – Die mittel- und spätkaiserzeitliche Kleinstadt Zürich/Turicum
Römische Stadtstruktur, Hafenquartier, Thermen, Kultbauten und Kastell. Stadt Zürich – Turicum II

Der Name der Stadt Zürich
Stadtarchiv Zürich zur traditionellen Deutung „Ort des Turo“, Turicensis und Ziurichi. Stadtarchiv – Der Name Zürich

Urtopographie und Seespiegelschwankungen
Zur Bedeutung von Sihl, Sihlschotter, Zürichsee und ursprünglicher Landschaft. Stadtarchäologie – Urtopographie Zürichs

Schweizerisches Nationalmuseum

Archäologie Schweiz – Grabstein des Lucius Aelius Urbicus
Zur Inschrift, zur Zollstation und zum keltischen beziehungsweise möglicherweise vorkeltischen Ursprung des Namens.

Das Original des Grabsteins befindet sich im Schweizerischen Nationalmuseum Zürich.

Namenforschung

Zürcher Siedlungsnamenbuch – Zürich
Dokumentation der historischen Namensformen und der traditionellen Deutung Turīcon = „Siedlung des Tūros“. ortsnamen.ch – Zürich

Wulf Müller:
Turegum = Zürich.
Nouvelle revue d'onomastique 47–48, 2007, S. 221–222.

Andres Max Kristol:
Zürich = Türegum ou Turëgum?
Nouvelle revue d'onomastique 47–48, 2007, S. 223–227. Reaktion auf Müllers neue Deutung.

Wulf Müller:
Túricum – Turegum – Zürich.
In: Albrecht Greule / Stefan Hackl (Hrsg.), Der Südwesten im Spiegel der Namen, Stuttgart 2011.

Albrecht Greule / Andrea Francesco Lanzicher:
Zur Toponymie der civitas Helvetiorum. Namenarchäologische Untersuchungen.
Namenkundliche Informationen 115, publiziert 2024, S. 181–206. Die Autoren bewerten Müllers Ableitung von *Tura/*Turos ausdrücklich als überzeugend.

Grabstein und Inschrift

CIL XIII 5244

Epigraphische Dokumentation als Grabaltar des Lucius Aelius Urbicus, Inventarnummer A-3328 im Schweizerischen Nationalmuseum.

Johann Caspar Hagenbuch:
Tesserakostologion Turicense, Zürich 1747. Hagenbuch veröffentlichte den Grabstein und seine Bedeutung noch im Jahr seiner Entdeckung. Das historische Werk ist heute digital über die Zentralbibliothek Zürich/e-rara zugänglich.

Literatur

Annina Wyss Schildknecht:
Die mittel- und spätkaiserzeitliche Kleinstadt Zürich/Turicum. Eine Hafenstadt und Zollstation zwischen Alpen und Rheinprovinzen.
Monographien der Kantonsarchäologie Zürich 54, 2020.

Margrit Balmer:
Zürich in der Spätlatène- und frühen Kaiserzeit. Vom keltischen Oppidum zum römischen Vicus Turicum.

Franz Hohler

Franz Hohler: „Turicum“, aus Vierzig vorbei. Die autorisierte vollständige Textfassung und eine Audiofassung sind über Lyrikline verfügbar. Franz Hohler – Turicum auf Lyrikline

Für eine vollständige Wiedergabe des Gedichts auf einer kommerziellen Website sollte die Genehmigung des Rechteinhabers beziehungsweise Verlags eingeholt werden.

Das Kastell Turicum
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