Vom Heiligenfest zum Knabenschiessen: Warum Zürich im September feiert
Wer heute an das Zürcher Knabenschiessen denkt, sieht wahrscheinlich zuerst Chilbibahnen, Zuckerwatte, Schiessstände und Tausende Besucherinnen und Besucher vor sich.
Mit einem mittelalterlichen Heiligenfest würde man dieses Volksfest kaum in Verbindung bringen.
Und doch führt die Geschichte des Knabenschiessens zurück zu zwei der ältesten Gestalten der Zürcher Stadtgeschichte: Felix und Regula.
Ihr Gedenktag ist der 11. September.
Dass das grösste Zürcher Volksfest bis heute genau in dieser Zeit stattfindet, ist kein Zufall.
Felix und Regula – Zürichs alte Stadtheilige
Nach mittelalterlicher Überlieferung gehörten Felix und Regula zur legendären Thebäischen Legion. Sie sollen wegen ihres christlichen Glaubens verfolgt worden sein und schliesslich nach Zürich gelangt sein.
Hier, auf einer Insel beziehungsweise am Ufer der Limmat, sollen sie enthauptet worden sein.
Die berühmte Legende erzählt, dass Felix und Regula nach ihrer Enthauptung ihre Köpfe aufgenommen und noch einige Schritte bis zu jenem Ort getragen hätten, an dem sie bestattet werden wollten.
An dieser Überlieferung hängen gleich mehrere der bedeutendsten Kirchen Zürichs.
Die Wasserkirche erinnert an den Ort des Martyriums. Auf der gegenüberliegenden Seite der Limmat entwickelte sich das Grossmünster zu einem Zentrum ihres Kultes. Auch das Fraumünster war eng mit der Verehrung der Zürcher Stadtheiligen verbunden.
Über Jahrhunderte waren Felix und Regula nicht irgendwelche Heilige.
Sie waren ein Teil der Identität Zürichs.

Der 11. September war einer der grossen Zürcher Festtage
Der kirchliche Gedenktag von Felix und Regula wurde am 11. September gefeiert.
Im mittelalterlichen Zürich war ein solcher Heiligentag weit mehr als ein Gottesdienst.
Religion, Politik und öffentliches Leben waren eng miteinander verbunden. Prozessionen, kirchliche Feiern, Märkte und gesellschaftliche Veranstaltungen gehörten zu solchen Tagen dazu.
Rund um den Festtag von Felix und Regula entwickelte sich auch die Zürcher Kirchweih beziehungsweise „Zürichilbi“.
Damit beginnt eine Tradition, deren Spuren wir bis heute erkennen können.
Denn ausgerechnet Mitte September findet noch immer das bekannteste Zürcher Volksfest statt: das Knabenschiessen.
Dann kam Zwingli
Mit der Zürcher Reformation änderte sich ab den 1520er-Jahren fast alles.
Unter Huldrych Zwingli wurden Bilder und Reliquien aus den Kirchen entfernt, Heiligenverehrung wurde abgelehnt und Prozessionen verschwanden.
Auch der Kult um Felix und Regula verlor seine religiöse Bedeutung.
Doch historische Traditionen verschwinden nicht immer so schnell wie die Theologie, die sie einst hervorgebracht hat.
Der 11. September blieb im Zürcher Kalender bemerkenswert präsent.
Das ist eine der faszinierenden Besonderheiten dieser Geschichte.
Die katholische Heiligenverehrung verschwand – der traditionelle Festtermin jedoch nicht vollständig.
Und woher kommt nun das Knabenschiessen?
Hier müssen wir zwischen zwei Geschichten unterscheiden.
Das Schiessen selbst entstand nicht aus der Verehrung von Felix und Regula.
Seine Wurzeln liegen vielmehr in der militärischen Ausbildung der Zürcher Jugend.
Im alten Zürich war die Verteidigung der Stadt Aufgabe der Bürger. Entsprechend wichtig war der Umgang mit Waffen.
Bereits 1637 sind militärische Übungen Zürcher Knaben dokumentiert. Die Jugendlichen wurden im Umgang mit Waffen ausgebildet, und Schiesswettbewerbe dienten dazu, ihre Fähigkeiten zu prüfen.
Eine besonders wichtige Quelle stammt aus dem Jahr 1656.
Damals wird ausdrücklich eine „Knaben Schiesset“ erwähnt. Die Stadt stiftete Preise für die teilnehmenden Knaben.
Interessanterweise fand dieses dokumentierte Schiessen am 20. September 1656 statt.
Und genau dieses Datum ist wichtig.
Denn es zeigt, dass man nicht einfach sagen kann:
Seit dem 17. Jahrhundert wurde das Knabenschiessen immer am Felix-und-Regula-Tag gefeiert.
So einfach ist die Geschichte nicht.
Zwei Zürcher Traditionen wachsen zusammen
Was wir vielmehr beobachten können, sind zwei verschiedene historische Linien.
Auf der einen Seite steht das alte Septemberfest rund um Felix und Regula und die Zürichilbi.
Auf der anderen Seite entwickelt sich im 17. Jahrhundert das militärische Knabenschiessen.
Beide Traditionen bewegen sich zeitlich im selben Umfeld des Zürcher Septemberfestes.
Im Laufe der Jahrhunderte verbanden sich Schiesswettbewerb und Volksfest immer stärker miteinander.
Damit entstand schliesslich das, was wir heute kennen.
Das moderne Knabenschiessen ist deshalb weder einfach ein mittelalterliches Heiligenfest noch lediglich ein militärischer Schiesswettbewerb.
Es trägt Elemente unterschiedlicher Epochen der Zürcher Geschichte in sich.
Vom Wehrtraining zum Volksfest
Im 19. Jahrhundert wandelte sich das Knabenschiessen zunehmend.
Die vormilitärische Bedeutung trat zurück, während der gesellschaftliche Charakter stärker wurde.
Seit 1899 organisiert die Schützengesellschaft der Stadt Zürich das Knabenschiessen in seiner modernen Form.
Und rund um den eigentlichen Schiesswettbewerb entwickelte sich jene riesige Chilbi, die heute Hunderttausende Menschen anzieht.
Achterbahnen, Marktstände, Musik, Essen und Vergnügungsbetriebe bestimmen heute das Bild.

Von mittelalterlichen Heiligenprozessionen ist nichts mehr zu sehen.
Und trotzdem feiern die Zürcherinnen und Zürcher weiterhin – Jahr für Jahr – im September rund um den alten Festtag ihrer Stadtheiligen.
Felix und Regula sind also immer noch da
Vielleicht ist gerade das das Spannendste an dieser Geschichte.
Die meisten Besucherinnen und Besucher des Knabenschiessens wissen heute wahrscheinlich nicht, weshalb Zürich ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt ein grosses Volksfest feiert.
Felix und Regula spielen im modernen Knabenschiessen offiziell kaum eine Rolle.
Und trotzdem lebt eine Erinnerung an ihren Festtag im Rhythmus der Stadt weiter.
Kirchenfeste verändern sich.
Politische Systeme verändern sich.
Religion verändert sich.
Aber gewisse Daten bleiben im kollektiven Gedächtnis erstaunlich hartnäckig erhalten.
So führt eine unsichtbare historische Linie vom mittelalterlichen Zürich über die Reformation und die militärische Bürgergesellschaft der frühen Neuzeit bis zu den Chilbibahnen des heutigen Knabenschiessens.
Ein Volksfest mit mehr als 500 Jahren Geschichte
Wer also beim nächsten Knabenschiessen durch das Albisgütli läuft, kann die Geschichte des Festes mit etwas anderen Augen betrachten.
Hinter Schiessständen, Riesenrad und Zuckerwatte verbirgt sich ein Stück Zürcher Kulturgeschichte.
Das heutige Knabenschiessen entstand zwar nicht als religiöse Feier.
Sein traditioneller Termin im September steht jedoch in Verbindung mit einer sehr viel älteren Zürcher Festtradition:
dem Fest von Felix und Regula am 11. September.
Und damit begegnen uns Zürichs alte Stadtheilige an einem Ort, an dem wohl die wenigsten nach ihnen suchen würden.
Mitten in der Chilbi.
Historisch wichtig
Die Verbindung sollte nicht so verstanden werden, dass das Knabenschiessen direkt aus einem kirchlichen Felix-und-Regula-Ritual hervorgegangen sei.
Historisch präziser ist:
Der Septembertermin des heutigen Knabenschiessens steht in der Tradition der alten Zürichilbi rund um den Festtag von Felix und Regula. Das eigentliche Knabenschiessen entwickelte sich dagegen im 17. Jahrhundert aus der militärischen Ausbildung der Zürcher Jugend.
Gerade dieses Zusammentreffen verschiedener Traditionen macht die Geschichte des Zürcher Knabenschiessens so faszinierend.
Quellen & Literatur
Schützengesellschaft der Stadt Zürich: Geschichte des Knabenschiessens.
Stadler, Hans: Felix und Regula. Historisches Lexikon der Schweiz (HLS).
Bundesamt für Kultur: Knabenschiessen. Lebendige Traditionen der Schweiz.
Landolt, Christoph: Chilbi und Knabenschiessen. Schweizerisches Idiotikon, Wortgeschichte Nr. 135, 2020.
Stadt Zürich, Stadtarchäologie: Die Stadtheiligen Felix und Regula / Stadtzürcher Legenden.
Etter, Hansueli F. u. a.: Die Zürcher Stadtheiligen Felix und Regula. Legenden, Reliquien, Geschichte und ihre Botschaft im Licht moderner Forschung. Zürich 1988.


Kommentare