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Wiborada, Zürich und die verlorene geistliche Schweiz


Wie eine Klausnerin aus St. Gallen hilft, die Geschichte Zürichs neu zu verstehen


Wer heute durch die Altstadt von Zürich geht, begegnet überall den Spuren der Reformation:


  • dem Grossmünster,

  • Huldrych Zwingli,

  • den reformierten Kirchen,

  • den Geschichten über Bildersturm, Bibel und Predigt.


Doch lange vor Zwingli existierte in Zürich eine völlig andere geistliche Welt.


Eine Welt:


  • voller Psalmen,

  • lateinischer Liturgie,

  • Heiligenverehrung,

  • Klöster,

  • Reliquien,

  • Pilger,

  • Gebetsrhythmen

  • und geistlicher Musik.


Genau diese fast vergessene Welt wird plötzlich wieder sichtbar durch die Geschichte der heiligen Wiborada von St. Gallen.


Die aktuelle Wiborada-Ausstellung zum Jubiläumsjahr öffnet vielmehr ein Fenster in eine Schweiz, die viele Menschen kaum mehr kennen.


Sie öffnet ein Fenster in die geistliche Vergangenheit der ganzen Schweiz — und damit auch Zürichs.


Wer war Wiborada?

Wiborada lebte im frühen 10. Jahrhundert in St. Gallen.

Sie war keine Äbtissin,keine Königin,keine politische Herrscherin.

Und dennoch wurde sie zu einer der bedeutendsten Frauengestalten des frühen Mittelalters.


Sie lebte als sogenannte Klausnerin:freiwillig eingeschlossen in einer kleinen Zelle nahe der Kirche St. Mangen.


Dort betete sie,lernte Psalmen auswendig,pflegte Kranke,half Armenund widmete ihr Leben ganz Gott.


Die Ausstellung beschreibt sie als:


  • unerschrocken,

  • freigiebig,

  • musikalisch,

  • spirituell,

  • und den Menschen zugewandt.


Für eine Frau ihrer Zeit war das aussergewöhnlich.


Eine Schweiz voller Klöster

Heute denkt man bei der Schweiz oft an:

  • Banken,

  • Neutralität,

  • Demokratie,

  • moderne Städte.


Doch zur Zeit Wiboradas bestand die Schweiz vor allem aus geistlichen Zentren.

Klöster waren damals:


  • Schulen,

  • Bibliotheken,

  • Krankenhäuser,

  • Verwaltungszentren,

  • kulturelle Archive

  • und spirituelle Machtorte.


Die grossen Zentren waren unter anderem:


  • St. Gallen

  • Zürich

  • Konstanz

  • Chur


Und genau hier beginnt die Verbindung zwischen Wiborada und Zürich.


Zürich gehörte zur selben geistigen Welt

Viele vergessen:Das Fraumünster war bereits im frühen Mittelalter eines der bedeutendsten Frauenklöster Europas.


Zur selben Zeit, als Wiborada in St. Gallen lebte:

  • wurden auch in Zürich Psalmen gesungen,

  • lateinische Liturgien gefeiert,

  • Handschriften kopiert,

  • Reliquien verehrt,

  • und Gebetsrhythmen gelebt.


Zwischen St. Gallen und Zürich bestanden:

  • geistliche Netzwerke,

  • kultureller Austausch,

  • liturgische Gemeinsamkeiten,

  • und enge kirchliche Beziehungen.


Die Welt Wiboradas war deshalb keine isolierte Spezialwelt St. Gallens.

Sie war Teil derselben geistlichen Kultur, die auch Zürich prägte.


Wiboradas Gesang – die Schweiz sang einst Psalmen

Eine der eindrücklichsten Ausstellungstafeln trägt den Titel:

„Wiboradas Gesang“

Dort wird erklärt:Wiborada nahm durch ihr Fenster am Gesang der Mönche teil.

Zu ihrer Ehre entstand früh der Hymnus:

„Festum die Wiboradae“

Die Melodie wurde im 12. Jahrhundert in sogenannten Neumen notiert — einer frühen Form musikalischer Schrift.

Das ist historisch enorm bedeutend.

Denn es zeigt:Die mittelalterliche Schweiz war nicht still.

Sie sang. Und zwar täglich.


Psalmen waren damals:


  • Gebet,

  • Musik,

  • Meditation,

  • Liturgie,

  • Trost

  • und geistlicher Lebensrhythmus.


Heute verbinden viele Psalmen mit reformierten Traditionen oder dem Genfer Psalter.

Doch bereits Jahrhunderte vor der Reformation gehörten Psalmen selbstverständlich zum Alltag der Klöster von:


  • St. Gallen,

  • Zürich,

  • Konstanz

  • und der ganzen Region.


Wiborada kannte alle 150 Psalmen auswendig

Eine weitere Tafel trägt den Titel:


„Wiboradas Gebet“

Dort steht:Wiborada lernte alle 150 Psalmen der Bibel auswendig.

Das zeigt,wie tief die Bibel bereits das frühe Mittelalter prägte.

Die Ausstellung beschreibt ihr Gebet als:

„voller Lob und Dank, Klage und Bitte, Hoffnung und Sehnsucht.“

Genau darin liegt die Kraft der Psalmen.

Sie begleiten:


  • Freude,

  • Angst,

  • Krieg,

  • Hoffnung,

  • Trauer

  • und Vertrauen.


Diese geistliche Tiefe verband auch die Klosterwelt Zürichs mit St. Gallen.


Frauen und geistliche Autorität

Besonders bemerkenswert ist die Rolle der Frauen.

Wiborada besass spirituelle Autorität in einer Zeit,die oft als ausschliesslich männlich dargestellt wird.


Doch das Mittelalter war komplexer.

Auch das Fraumünster Zürich war über Jahrhunderte ein Machtzentrum weiblicher Autorität.


Die Äbtissinnen verfügten teilweise über:


  • Landbesitz,

  • Gerichtsbarkeit,

  • politische Rechte

  • und wirtschaftliche Macht.


Wiborada repräsentiert dabei die spirituelle Seite dieser weiblichen Welt:Gebet,Askese,Fürsorge,Psalmen,geistliche Weisheit.


Wiboradas Freigebigkeit

Eine Ausstellungstafel beschreibt Wiborada als aussergewöhnlich freigiebig.

Sie pflegte:


  • Arme,

  • Kranke,

  • Bedürftige.


Und verschenkte, was sie erhielt, weiter.

Die Ausstellung zitiert:

„… verschenkte sie mit freigebiger Hand an die Armen.“

Auch das gehörte zur mittelalterlichen Klosterwelt:Spiritualität und Armenpflege waren eng verbunden.

Viele soziale Aufgaben,die heute Städte oder Staaten übernehmen,wurden damals von kirchlichen Gemeinschaften getragen.


Die Gewalt des frühen Mittelalters

Die Ausstellung romantisiert die Vergangenheit nicht.

Auf der Tafel:

„Wiboradas Tod“

wird direkt von:


  • Überfällen,

  • Mord,

  • Brandstiftung

  • und Gewalt


gesprochen.


Wiborada warnte frühzeitig vor dem Ungarneinfall von 926.

Viele wollten ihr zunächst nicht glauben.

Doch kurz darauf wurde St. Gallen tatsächlich angegriffen.

Sie selbst blieb zurück und wurde in ihrer Zelle erschlagen.

Diese Geschichte machte sie später zur Stadtheiligen von St. Gallen.


Auch Zürich lebte in dieser gefährlichen Welt

Heute erscheint die Schweiz oft als historisch stabil und sicher.

Doch im frühen Mittelalter war die Realität anders:


  • regionale Konflikte,

  • Überfälle,

  • Machtkämpfe,

  • Hungersnöte,

  • Unsicherheit.


Auch Zürich war Teil dieser verletzlichen Welt.

Deshalb spielten:


  • Schutzheilige,

  • Reliquien,

  • Gebete,

  • Psalmen

  • und geistliche Fürsprache


eine enorme Rolle.


Pilger, Wunder und Fürsprache

Schon kurz nach ihrem Tod pilgerten Menschen zu Wiboradas Grab.

Die Ausstellung beschreibt:


  • Gebete,

  • Heilungshoffnungen,

  • Fürbitten,

  • Wunderberichte.


Ihr Grab wurde später direkt in die Kirche integriert.

Damit entstand ein typischer mittelalterlicher Wallfahrtsort.

Menschen hofften dort auf Heilung von:


  • Krankheiten,

  • Schmerzen,

  • Fieber,

  • körperlichem Leiden.


Diese Welt der Heiligenverehrung war über Jahrhunderte selbstverständlicher Teil des christlichen Lebens.

Auch Zürich kannte:


  • Reliquien,

  • Heiligenbilder,

  • Wallfahrten,

  • Altäre,

  • Prozessionen.


Und genau hier beginnt die grosse historische Wende.


Die Reformation verändert alles

Zwischen Wiborada und Zwingli liegen nur rund 600 Jahre.

Und doch wirken ihre Welten fast gegensätzlich.

Die Welt Wiboradas:


  • Heiligenverehrung

  • Reliquien

  • Wallfahrten

  • Klöster

  • Psalmen

  • lateinische Liturgie

  • Bilder

  • Fürsprache der Heiligen.


Die Welt Zwinglis:


  • Fokus auf die Bibel

  • Predigt statt Heiligenkult

  • Kritik an Reliquien

  • Abschaffung vieler Klöster

  • Entfernung religiöser Bilder.


Die Ausstellung erwähnt ausdrücklich:

Wiboradas Grab blieb bis zur Zerstörung in der Reformation am 27. Februar 1528 erhalten.

Dieser Satz verbindet St. Gallen direkt mit Zürich.

Denn von Zürich aus breitete sich die Reformation in weite Teile der Ostschweiz aus.


St. Mangen wird reformiert

Die Ausstellung zeigt eindrücklich,wie sich die Kirche St. Mangen veränderte:

  • um 920,

  • um 1100,

  • um 1460,

  • um 1520.

Besonders symbolisch:Die Wiborada-Kapelle wurde später zur Bibliothek umgebaut.

Das ist fast ein Sinnbild der Reformation:Der Fokus verschob sich:


  • von Reliquien zu Büchern,

  • von Wallfahrt zur Schrift,

  • von Heiligenverehrung zur Bibelauslegung.


Genau dieselbe Entwicklung fand auch in Zürich statt.


Verbündete im Geiste – Zürich und St. Gallen

Je tiefer man sich mit Wiborada beschäftigt,desto deutlicher wird:Zürich und St. Gallen waren über Jahrhunderte geistig eng verbunden.

Nicht nur im Mittelalter —sondern später auch in der Reformation.

Während Zwingli in Zürich wirkte,entwickelte sich auch St. Gallen früh zu einem reformatorischen Zentrum.


Die Gemeinsamkeiten zwischen beiden Städten gehen deshalb weit tiefer,als viele heute vermuten.


Mehr dazu im Beitrag:


Warum Wiborada heute wieder wichtig ist

Die Geschichte Wiboradas hilft,die Schweiz neu zu verstehen.

Nicht nur als moderne Nation —sondern als jahrhundertelang gewachsene geistliche Kulturlandschaft.


Sie erinnert daran:Vor der Reformation existierte eine tiefe spirituelle Welt,die auch Zürich prägte:


  • Psalmen,

  • Klöster,

  • Gesänge,

  • Frauenklöster,

  • Gebetsrhythmen,

  • Heiligenverehrung,

  • Armenpflege,

  • geistliche Musik.


Die Ausstellung in St. Gallen macht diese verlorene Welt wieder sichtbar.

Und genau dadurch versteht man auch Zürich besser.

Denn die Reformation entstand nicht im luftleeren Raum.

Sie war eine gewaltige geistliche,kulturelleund gesellschaftliche Umwälzung —aufgebaut auf Jahrhunderten gemeinsamer Geschichte zwischen Städten wie Zürich und St. Gallen.



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