Die Hirsebreifahrt von Zürich nach Strassburg – eine fast 600-jährige Geschichte von Freundschaft, Mut und politischer Symbolik
- zuericitytours
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Ein Topf mit heissem Hirsebrei, ein langes Holzschiff und eine Gruppe entschlossener Zürcher, die auf Limmat, Aare und Rhein bis nach Strassburg fährt: Die Hirsebreifahrt gehört zu den aussergewöhnlichsten historischen Traditionen Zürichs.
Auf den ersten Blick wirkt die Geschichte wie eine humorvolle Wette. Tatsächlich steht hinter der Fahrt jedoch weit mehr. Sie erzählt von der politischen Welt der spätmittelalterlichen Städte, von Schützenfesten und Zünften, von militärischer Bereitschaft, von der Reformation und von einer Städtefreundschaft, die Kriege, Grenzverschiebungen und nationale Konflikte überdauerte.
Im August 2026 wird die Hirsebreifahrt erneut durchgeführt – genau 450 Jahre nach der berühmten Fahrt von 1576. Der eigentliche Ursprung der Tradition reicht aber noch weiter zurück.
Zürich und Strassburg: Zwei Städte mit gemeinsamen Interessen
Im 15. Jahrhundert waren Zürich und Strassburg politisch selbstständige und wirtschaftlich bedeutende Städte. Strassburg gehörte als Freie Reichsstadt zum Heiligen Römischen Reich, während Zürich seit 1351 Teil der Eidgenossenschaft war und sich zunehmend als eigenständiger Stadtstaat entwickelte.
Zwischen Städten wie Zürich, Bern, Basel, Strassburg, Konstanz oder Schaffhausen bestanden vielfältige Beziehungen. Kaufleute handelten miteinander, Gesandte wurden ausgetauscht und Vertreter der Städte besuchten gegenseitig ihre Feste. Gleichzeitig war das politische Umfeld unsicher. Adlige Herrschaften, regionale Kriege, Fehden und Überfälle konnten den Handel jederzeit gefährden.
Freundschaften zwischen Städten waren deshalb keine rein kulturellen Beziehungen. Sie konnten im Ernstfall über Handelswege, politische Unterstützung und militärische Hilfe entscheiden.
1455: Zürcher befreien Strassburger Kaufleute
Die unmittelbare Vorgeschichte der ersten Hirsebreifahrt begann vermutlich 1455.
Strassburger Handelsleute waren in Eglisau vom Grafen Alwig von Sulz gefangen genommen worden. Eine Freischar aus verschiedenen Orten, angeführt von Zürchern, befreite die Kaufleute. Dieses Ereignis wurde zu einem sichtbaren Beweis dafür, dass die Strassburger im Konfliktfall auf Hilfe aus der Eidgenossenschaft zählen konnten.
Nur ein Jahr später bot sich eine Gelegenheit, diese Freundschaft auf friedliche und zugleich spektakuläre Weise zu feiern.
1456: Die erste Hirsebreifahrt
Im Jahr 1456 veranstaltete Strassburg ein grosses Freischiessen. Solche Schützenfeste waren in der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Welt weit mehr als sportliche Wettkämpfe. Sie waren gesellschaftliche Grossereignisse, politische Begegnungsorte und eine Möglichkeit, Beziehungen zwischen Städten zu pflegen.
Schützen, Zünfter, Ratsherren, Kaufleute und Gesandte kamen zusammen. Es wurde geschossen, gefeiert, verhandelt und gegessen. Gleichzeitig demonstrierten die beteiligten Städte ihre Organisation, ihre Wehrhaftigkeit und ihren Wohlstand.
Für das Strassburger Freischiessen von 1456 beschlossen junge Zürcher Schützen und Angehörige der Zunft zur Schiffleuten, den Wasserweg von Zürich nach Strassburg innerhalb eines Tages zurückzulegen.
Die Route führte von Zürich über die Limmat zur Aare und anschliessend über den Rhein nach Strassburg. Die Fahrt war nicht nur lang, sondern auch gefährlich. Die Flüsse waren damals weitgehend unreguliert. Es gab starke Strömungen, Untiefen, Felsen und schwierige Stromschnellen. Moderne Schleusen, Kraftwerke und befestigte Fahrrinnen existierten noch nicht.
Als sichtbaren Beweis ihrer Geschwindigkeit nahmen die Zürcher einen Topf mit frisch gekochtem Hirsebrei mit.
Die Botschaft war einfach und für jeden verständlich: Wenn der Brei bei der Ankunft in Strassburg noch warm war, konnten die Zürcher offenbar so schnell reisen, dass sie ihren Freunden im Kriegsfall innerhalb eines Tages zu Hilfe kommen konnten.
Der spätere Zürcher Chronist Heinrich Bullinger, der Nachfolger Huldrych Zwinglis am Grossmünster, berichtete in seiner Chronik über diese erste Hirsebreifahrt. Die Überlieferung von 1456 ist allerdings weniger ausführlich als jene der zweiten Fahrt von 1576.
Was ist Geschichte – und was ist Legende?
Die Hirsebreifahrt verbindet historische Tatsachen mit einer Erzählung, die im Laufe der Jahrhunderte ausgeschmückt wurde.
Historisch glaubwürdig sind die engen Beziehungen zwischen Zürich und Strassburg, die Bedeutung der Schützenfeste und die Teilnahme Zürcher Schützen an solchen Anlässen. Auch der Versuch, Strassburg auf dem Wasserweg innerhalb eines Tages zu erreichen, wird in den Zürcher Chroniken überliefert.
Die berühmte Vorstellung, der Brei sei bei der Ankunft noch so heiss gewesen, dass sich die Strassburger beim Essen den Mund verbrannten, gehört dagegen zum bildhaften Kern der Geschichte. Sie machte die Fahrt leicht verständlich und sorgte dafür, dass sie nicht vergessen wurde.
Der Hirsebrei war damit weniger Reiseproviant als politische Botschaft.
Warum ausgerechnet Hirsebrei?
Hirsebrei war ein einfaches, sättigendes Gericht. Der Topf konnte verschlossen, isoliert und auf dem Schiff transportiert werden. Entscheidend war jedoch nicht das Rezept, sondern die Temperatur.
Eine schriftliche Behauptung über die Geschwindigkeit der Zürcher hätte leicht angezweifelt werden können. Ein noch warmer Brei war dagegen ein anschaulicher Beweis, den jeder der Anwesenden prüfen konnte.
Die Botschaft lautete sinngemäss:
In Zürich wird gekocht – und in Strassburg wird gegessen.
Was zunächst humorvoll klingt, hatte einen ernsten politischen Hintergrund: Die beiden Städte wollten sich gegenseitig als verlässliche Partner wahrnehmen.
Die Freundschaft wird auf die Probe gestellt
Die Beziehungen zwischen Zürich und Strassburg verliefen nicht immer konfliktfrei.
Im Schwabenkrieg von 1499 stand Strassburg auf der Seite des Schwäbischen Bundes, während Zürich mit den Eidgenossen kämpfte. Dabei soll der Zürcher Heinrich Rahn sogar ein Strassburger Stadtbanner erobert haben. Nach dem Krieg wurden die Beziehungen jedoch wieder aufgenommen.
Bereits 1504 veranstaltete Zürich ein grosses internationales Armbrust- und Büchsenschiessen mit 451 Teilnehmern. Auch eine Delegation aus Strassburg war anwesend. Das zeigt, dass Schützenfeste weiterhin eine wichtige Rolle bei der Wiederannäherung der Städte spielten.
Die Reformation verbindet Zürich und Strassburg neu
Im 16. Jahrhundert erhielten die Beziehungen zwischen Zürich und Strassburg eine zusätzliche religiöse Dimension.
Zürich wurde unter Huldrych Zwingli zu einem Zentrum der Reformation. Auch Strassburg entwickelte sich zu einer bedeutenden reformatorischen Stadt. Reformatoren wie Martin Bucer, Wolfgang Capito und Kaspar Hedio prägten dort das kirchliche und politische Leben.
Die beiden Städte standen nicht in allen theologischen Fragen auf derselben Seite. Besonders beim Verständnis des Abendmahls bestanden Unterschiede. Dennoch gehörten Zürich und Strassburg zu einem weitgespannten Netzwerk reformierter und protestantischer Städte.
1537 setzten sich Vertreter Strassburgs und der Eidgenossenschaft gemeinsam für verfolgte französische Protestanten ein. Eine Delegation wurde zu König Franz I. von Frankreich geschickt, um sich für die Glaubensgenossen einzusetzen.
Die alte politische Freundschaft erhielt damit eine konfessionelle Ergänzung.
1576: Das berühmte „glückhafte Schiff von Zürich“
120 Jahre nach der ersten Hirsebreifahrt wurde die spektakuläre Reise wiederholt.
Strassburg hatte 1576 erneut zu einem grossen Schützenfest eingeladen. Zürcher Armbrust- und Büchsenschützen machten sich auf verschiedenen Wegen auf den Weg ins Elsass. Eine besondere Gruppe entschied sich, die historische Fahrt von 1456 nachzustellen.
Die zeitgenössischen Quellen nennen je nach Zählung etwas mehr als 50 Teilnehmer. Angeführt wurde die Gesellschaft von angesehenen Zürcher Bürgern und Ratsherren. Zu ihnen gehörte Kaspar Thomann, der später Zürcher Bürgermeister wurde.
Die Männer bestiegen ein langes Schiff und fuhren in einem einzigen Tag von Zürich nach Strassburg. Ein zeitgenössischer Bericht hält fest, dass sie am Abend bei Sonnenschein gegen sieben Uhr ankamen. Sie trugen einheitliche Kleidung und brachten erneut Hirsebrei mit. Der Brei sei bei der Ankunft noch so heiss gewesen, dass er beim Essen beinahe den Mund verbrannt habe.
In Strassburg wurden die Zürcher mit grossen Ehren empfangen. Die Fahrt galt nicht einfach als sportliche Leistung, sondern als Erneuerung eines alten Freundschaftsversprechens.
Die Zürcher übergaben der Stadt den Hirsebreitopf und Ruder, in die sie ihre Namen eingeschnitzt hatten. Strassburg ehrte die Besucher seinerseits mit Geschenken. Die Teilnehmer wurden später in Anlehnung an die antiken Seefahrer um Jason und das Goldene Vlies als „Zürcher Argonauten“ bezeichnet.
Eine aussergewöhnliche körperliche Leistung
Die Fahrt von 1576 war selbst für erfahrene Schiffer eine enorme Herausforderung.
Die Besatzung musste über viele Stunden praktisch ohne Unterbrechung arbeiten. Die Männer waren nicht nur auf ihre Muskelkraft angewiesen, sondern auch auf genaue Kenntnisse der Flüsse.
Besonders schwierig waren jene Stellen, an denen Stromschnellen, Felsen oder enge Flussabschnitte die Fahrt gefährlich machten. In Laufenburg bildete der sogenannte Laufen eines der grössten Hindernisse auf dem Hochrhein. Schiffe mussten dort mit Unterstützung ortskundiger Männer durch die gefährliche Passage gebracht oder teilweise über Land transportiert werden.
Hinzu kamen die Risiken von Dunkelheit, wechselndem Wasserstand, Treibholz und unvorhersehbaren Strömungen. Ein Unfall hätte nicht nur das Ende der Fahrt, sondern den Tod mehrerer Teilnehmer bedeuten können.
Dass die Gesellschaft Strassburg innerhalb eines Tages erreichte, war deshalb weit mehr als eine folkloristische Leistung. Die Fahrt demonstrierte Disziplin, Ausdauer, nautische Erfahrung und eine bemerkenswerte Organisation.
Johann Fischart macht die Fahrt unsterblich
Die Hirsebreifahrt von 1576 wäre möglicherweise eine Episode unter vielen geblieben, wenn sie nicht literarisch verewigt worden wäre.
Der Strassburger Schriftsteller Johann Fischart verfasste zu Ehren der Zürcher das Werk:
„Das Glückhafft Schiff von Zürich“
Das umfangreiche Lobgedicht feiert die Fahrt als Verbindung von Mut, Ausdauer, Freundschaft und Treue. Fischart stellte die Zürcher nicht bloss als Sportler dar, sondern als verlässliche Nachbarn, die im Ernstfall schnell Hilfe leisten konnten.
In seiner Darstellung wird aus der Bootsreise ein politisches und moralisches Beispiel. Die Zürcher überwinden die Gefahren des Wassers, weil sie gemeinsam handeln, sich gegenseitig vertrauen und ein klares Ziel verfolgen.
Das Werk wurde bereits 1576 in Strassburg gedruckt und trug wesentlich dazu bei, dass die Geschichte der Hirsebreifahrt über die Jahrhunderte lebendig blieb.
Georg Keller und die zeitgenössischen Berichte
Neben Fischarts Gedicht existieren weitere wichtige Quellen zur Fahrt von 1576.
Besonders bedeutend ist der Reisebericht des Zürcher Stadtarztes Georg Keller. Auch Ratsprotokolle, Chroniken, Briefe, Gedichte und bildliche Darstellungen berichten über das Ereignis.
Der Historiker Jakob Baechtold wertete im 19. Jahrhundert zahlreiche dieser Quellen aus. Seine 1880 veröffentlichte Untersuchung zeigt, wie stark die Fahrt bereits unmittelbar nach dem Ereignis wahrgenommen wurde.
Es entstanden deutsche und lateinische Gedichte, Chronisten hielten den Verlauf fest und Künstler schufen Bilder der Fahrt. Selbst innerhalb der Reisegesellschaft wurde die Erinnerung gepflegt: Im November 1576 trafen sich die „Argonauten“ erneut zu einem gemeinsamen Mahl, und genau ein Jahr nach der Reise feierten sie ein weiteres Treffen.
Die Hirsebreifahrt wurde damit schon von den Teilnehmern selbst zu einer historischen Erinnerung gemacht.
1588: Aus dem Freundschaftszeichen wird ein Schutzbündnis
Zwölf Jahre nach der berühmten Fahrt erhielt die Beziehung zwischen den Städten eine formelle politische Grundlage.
1588 schlossen Strassburg, Zürich und Bern ein neues Schutzbündnis, das mit einem Handelsabkommen verbunden war. Strassburg hinterlegte eine erhebliche Geldsumme in Zürich und Bern. Im Fall einer militärischen Bedrohung sollten die beiden eidgenössischen Städte Hilfstruppen stellen.
Die symbolische Botschaft des warmen Hirsebreis wurde damit politisch konkret: Zürich und Bern verpflichteten sich tatsächlich, Strassburg im Ernstfall zu unterstützen.
Zürcher Soldaten verteidigen Strassburg
Im 17. Jahrhundert wurde diese Hilfeleistung Realität.
Nach dem Dreissigjährigen Krieg geriet Strassburg zunehmend unter den Druck des französischen Königs Ludwig XIV. Die Stadt bat Zürich und Bern um Unterstützung.
Zwischen 1673 und 1679 leisteten je 300 Zürcher und Berner Soldaten Garnisonsdienst für Strassburg. Im Jahr 1678 beteiligten sich die eidgenössischen Truppen an der Verteidigung des Brückenkopfes von Kehl. Rund 40 Männer verloren dabei ihr Leben.
Was 1456 und 1576 mit einem Topf Hirsebrei symbolisch versprochen worden war, wurde ein Jahrhundert später unter kriegerischen Bedingungen eingelöst.
1681 wurde Strassburg dennoch von Frankreich besetzt und in das Königreich Ludwigs XIV. eingegliedert. Die Zeit Strassburgs als freie Reichsstadt endete. Die Erinnerung an die alten Bündnisse mit Zürich und Bern blieb jedoch bestehen.
1870: Schweizer Hilfe während der Belagerung Strassburgs
Auch während des Deutsch-Französischen Krieges von 1870 zeigte sich die historische Verbundenheit.
Strassburg wurde von deutschen Truppen belagert und schwer beschossen. In Zürich und anderen Teilen der Schweiz löste das Schicksal der Bevölkerung grosse Anteilnahme aus.
Eine Delegation aus Zürich, Bern und Basel versuchte, zwischen den Behörden der belagerten Stadt und dem deutschen Generalstab zu vermitteln. Dank dieser Bemühungen konnten etwa 2’000 ältere Menschen, Frauen und Kinder Strassburg verlassen und in der Schweiz Zuflucht finden.
In Strassburg erinnert ein Denkmal an die Hilfe der drei Schweizer Städte. Damit erhielt die jahrhundertealte Freundschaft erneut eine konkrete humanitäre Bedeutung.
Der Limmat-Club und die Wiederentdeckung der Flussfahrt
1869 wurde der Limmat-Club Zürich gegründet. Sein bis heute bekanntes Leitmotiv lautet:
„Dem Elemente zum Trutz, dem Menschen zum Schutz.“
Der Verein pflegte das Wasserfahren und hielt damit Kenntnisse lebendig, die für eine Fahrt auf Limmat, Aare und Rhein unverzichtbar waren.
Ab 1877 unternahm der Limmat-Club wiederholt Fahrten von Zürich nach Strassburg. Bis 1936 wurde die Strecke nach Angaben des Clubs bereits 16-mal befahren. Diese Fahrten waren noch nicht immer offizielle Hirsebreifahrten, bereiteten aber den Boden für die moderne Wiederaufnahme der Tradition.
1946: Freundschaft nach dem Zweiten Weltkrieg
Die erste grosse Hirsebreifahrt der Neuzeit fand 1946 statt – nur ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
Strassburg und das Elsass hatten erneut Krieg, Besetzung und Zerstörung erlebt. Gerade in dieser Situation erhielt die Fahrt eine besondere Bedeutung. Die Schweizer Gäste wurden in Strassburg von Tausenden Menschen empfangen.
Beim Einzug ertönten Rufe wie „Vive la Suisse“ und „Vive la France“. Aus der Erinnerung an mittelalterliche Waffenhilfe wurde nun ein Zeichen der Versöhnung und der europäischen Freundschaft.
Die Fahrt von 1946 begründete den modernen Rhythmus, die Hirsebreifahrt ungefähr alle zehn Jahre zu wiederholen.
Die Hirsebreifahrten der Neuzeit
Seither wurde die Tradition zu verschiedenen Jubiläen und historischen Anlässen weitergeführt:
1956 fand die grosse Jubiläumsfahrt zum 500. Jahrestag der ersten Hirsebreifahrt statt.
1967 wurde die ursprünglich für 1966 erwartete Fahrt mit einem Jahr Verspätung durchgeführt.
1976 erinnerte Zürich an den 400. Jahrestag des „glückhaften Schiffes“.
1986 verband man die Fahrt mit der Feier „2000 Jahre Zürich“.
1996 wurde die Tradition durch den Limmat-Club, die Zunft zur Schiffleuten sowie Zürcher Schützen- und Bogenschützengesellschaften fortgeführt.
2006 nahm der damalige Zürcher Stadtpräsident Elmar Ledergerber an der ganzen Fahrt teil.
2016 fuhren erneut historische Holzschiffe und Zürcher Delegationen nach Strassburg.
Die moderne Fahrt ist wegen Kraftwerken, Wehren, Schleusen und Sicherheitsbestimmungen nicht mehr direkt mit jener von 1576 vergleichbar. Sie bleibt jedoch eine anspruchsvolle wasserfahrerische Leistung.
Der Hirsebrei als diplomatisches Symbol
Die Hirsebreifahrt ist keine gewöhnliche historische Nachstellung.
Ihr Kern ist nicht der Brei und auch nicht die Frage, ob dieser tatsächlich noch heiss war. Entscheidend ist die Botschaft, die mit ihm verbunden wurde.
Der Topf stand für:
schnelle Hilfe im Notfall,
Verlässlichkeit zwischen Städten,
gemeinsames Handeln,
körperliche und organisatorische Leistungsfähigkeit,
die Pflege politischer Beziehungen,
Versöhnung über Grenzen hinweg.
Die Hirsebreifahrt war damit eine frühe Form öffentlicher Diplomatie. Statt eines Vertragsdokuments präsentierten die Zürcher ein Bild, das jeder verstand: Wir sind nicht weit entfernt. Wir können euch erreichen. Ihr könnt auf uns zählen.
Erinnerungskultur in Zürich und Strassburg
In beiden Städten wird die Geschichte bis heute bewahrt.
In Strassburg erinnert die Fontaine des Zurichois, der Zürcherbrunnen, an die Verbindung mit Zürich. Im Historischen Museum befindet sich zudem die sogenannte Marmite des Zurichois, der „Topf der Zürcher“. Die Erinnerungsstücke und Darstellungen machen die Hirsebreifahrt zu einem festen Bestandteil der Strassburger Stadtgeschichte.
Auch in Zürich wird die Geschichte durch Chroniken, Vereinsarchive, historische Darstellungen und die regelmässigen Fahrten lebendig gehalten. Das Stadtarchiv Zürich besitzt umfangreiche Dokumentationen zu den Hirsebreifahrten des 20. und 21. Jahrhunderts.
Die Hirsebreifahrt 2026
Vom 19. bis 23. August 2026 wird die historische Fahrt erneut durchgeführt. Die Route führt über Limmat, Aare, Rhein und Ill mit Aufenthalten unter anderem in Baden, Laufenburg, Rheinfelden, Basel und Breisach. In Strassburg wird der noch warme Hirsebrei traditionell am Fischmarkt verteilt.
Die Durchführung fällt genau in das Jahr des 450. Jubiläums der Fahrt von 1576. Damit erinnert die Hirsebreifahrt 2026 nicht nur an ein spektakuläres Abenteuer, sondern an fast sechs Jahrhunderte gemeinsamer Geschichte zwischen Zürich und Strassburg.
Was uns die Hirsebreifahrt heute erzählt
Die politische Welt des 15. und 16. Jahrhunderts ist verschwunden. Zürich und Strassburg liegen heute in zwei verschiedenen Staaten. Die Fahrt wird nicht mehr unternommen, um militärische Einsatzbereitschaft zu demonstrieren.
Ihre zentrale Botschaft ist jedoch erstaunlich modern geblieben.
Freundschaften entstehen nicht allein durch Verträge. Sie müssen gepflegt, erneuert und sichtbar gemacht werden. Die Zürcher taten dies mit einer aussergewöhnlichen Fahrt und einem Topf Hirsebrei.
Aus einer mittelalterlichen Demonstration von Schnelligkeit wurde ein Symbol der grenzüberschreitenden Freundschaft. Aus Schützen und Schiffern wurden Botschafter ihrer Stadt. Und aus einem einfachen Brei entstand eine der schönsten und ungewöhnlichsten historischen Erzählungen Zürichs.





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