Drei Finger dick, sieben Fuss lang: Zürichs Eiben, Heinrich Bullinger und Englands Langbogen
Wie Briefe aus den Jahren 1540 und 1542 von schlechtem Schweizer Bogenholz erzählen – und eine überraschende Verbindung von Glarus über Zürich und den Albis bis nach England sichtbar machen
Basel, 29. März 1540, ungefähr elf Uhr nachts.
John Butler sitzt noch an einem Brief an Heinrich Bullinger in Zürich. Es geht zunächst um England, Religion und Politik. Doch dann wechselt das Thema abrupt. Ein Engländer namens William Petersen hat in der Schweiz Holz gekauft – und damit offenbar ein ausgesprochen schlechtes Geschäft gemacht.
Butler schreibt an Bullinger, dass jeder einzelne gespaltene Rohling für einen Bogen ungefähr drei Finger dick, vierkantig, sieben Fuss lang, astfrei und sauber geglättet hätte sein müssen. Doch kaum eines der gelieferten Stücke habe diesen Vorgaben entsprochen. Petersen hatte dadurch erheblichen Verlust erlitten.
Plötzlich befinden wir uns nicht mehr mitten in einer theologischen Debatte der Reformationszeit, sondern mitten in einer Qualitätsreklamation des internationalen Holzhandels im Jahr 1540.
Und Heinrich Bullinger, der Nachfolger Huldrych Zwinglis am Grossmünster, soll helfen.
Der Originalbrief befindet sich heute im Staatsarchiv des Kantons Zürich, E II 343, fol. 159r. Er gehört zur wissenschaftlich edierten Korrespondenz Heinrich Bullingers. Und dieser eine Brief öffnet ein erstaunliches Fenster in eine heute beinahe vergessene Geschichte Zürichs.
Zürich und der Bogen: eine Geschichte, die schon 5000 Jahre zuvor beginnt
Dass ausgerechnet Bogenholz im Zürich des 16. Jahrhunderts eine Rolle spielte, ist eigentlich weniger überraschend, als es zunächst scheint.
Denn rund um den Zürichsee gab es bereits Jahrtausende vor Bullinger eine hochentwickelte Bogentradition.
Archäologische Funde zeigen, dass die jungsteinzeitlichen Bewohner der Zürcher Seenlandschaft schon um 3500 v. Chr. hochwertige Bögen aus Eibenholz fertigten. Beim Bau des Parkhauses Opéra beim heutigen Sechseläutenplatz wurden allein zwanzig rund 5000 Jahre alte Bögen entdeckt. Besonders viele bedeutende Bogenfunde stammen aus den Seeufersiedlungen des Kantons Zürich, wo Holz unter Luftabschluss aussergewöhnlich gut erhalten blieb.
Unter den Funden befinden sich auch auffallend kleine Bögen. Die Forschung hält es für möglich, dass bereits Kinder damit den Umgang mit Pfeil und Bogen erlernten. Daneben gab es ausgewachsene Jagd- und möglicherweise auch Waffenbögen.
Damit reicht die Verbindung zwischen Zürich, Eibe und Bogen fast fünf Jahrtausende weiter zurück als die Briefe Heinrich Bullingers.
Warum ausgerechnet Eibe?
Wer heute mit Ueli (Uli) Stehli über Bogenholz spricht, bekommt darauf keine theoretische Antwort.
Er sagt:
„Die Eibe ist eine Diva.“
Uli Stehli ist mein Onkel – Schweizer, freiberuflicher unabhängiger Historiker, traditioneller Bogenbauer und seit Jahrzehnten tief mit der Geschichte von Pfeil und Bogen beschäftigt. Mit 77 Jahren baut er seine Bögen noch immer selbst und nimmt weiterhin aktiv an Bogenturnieren teil.
Für ihn ist die Eibe eines der faszinierendsten Hölzer überhaupt. In seinen Videogesprächen beschreibt er, wie sensibel Eibenholz auf Verarbeitung, Trocknung und Belastung reagieren kann und wie sorgfältig ein Rohling beim sogenannten Tillern schrittweise an seine spätere Belastung herangeführt werden muss.
Ein Satz von ihm bringt das sehr schön auf den Punkt:
Man muss dem Holz das Biegen beibringen.
Auch heute arbeitet Uli mit historischen Vorbildern, baut englische Langbögen und Rekonstruktionen vorgeschichtlicher Bögen und verbindet praktische Handwerkserfahrung mit jahrzehntelanger historischer Recherche. Ein Porträt aus dem Jahr 2025 beschreibt, dass er an einem einzelnen Bogen bis zu 30 Stunden arbeitet und weiterhin an traditionellen Bogenturnieren teilnimmt.
Das ist keine romantische Bogenbauer-Folklore. Die Materialeigenschaften der Eibe erklären tatsächlich ihren aussergewöhnlichen Stellenwert.
Beim traditionellen Eibenlangbogen arbeiten Splint- und Kernholz gemeinsam. Das elastischere Splintholz liegt am Bogenrücken, während das Kernholz andere mechanische Belastungen übernimmt. Die erhaltenen Langbögen der Mary Rose, des 1545 gesunkenen Kriegsschiffs Heinrichs VIII., zeigen genau diese Konstruktion. Sämtliche 172 erhaltenen Langbögen bestehen aus Eibe.
Die Mary Rose liefert zugleich eine eindrückliche zeitliche Parallele zu unserem Zürcher Brief: Nur fünf Jahre nachdem Butler über das ungeeignete Schweizer Bogenholz schrieb, sank das englische Kriegsschiff mit 172 erhaltenen Langbögen und mehr als 2000 vollständigen Pfeilen.
Der Langbogen war im Zeitalter der Kanonen also keineswegs verschwunden.
England benötigte weiterhin enorme Mengen geeigneten Bogenholzes.

William Petersen kommt in die Schweiz
Mit den vollständig erhaltenen Butler-Briefen lässt sich die Geschichte inzwischen viel genauer rekonstruieren.
Der erste entscheidende Brief stammt vom 24. Februar 1540.
John Butler berichtet Bullinger, dass William Petersen demnächst persönlich in die Schweiz kommen werde, um Bögen beziehungsweise Bogenmaterial abzuholen, deren Lieferung bereits im Vorjahr in Glarus vereinbart worden war.
Und nun kennen wir sogar den Schweizer Geschäftspartner.
Die kritische Edition identifiziert den im lateinischen Text etwas schwer lesbaren Namen als Rudolf Schinz. Petersen hatte das Geschäft mit Schinz und weiteren Leuten in Glarus vereinbart. Butler bittet Bullinger ausdrücklich darum, bei diesen Leuten darauf hinzuwirken, dass Petersen nicht vergeblich komme.
Damit haben wir eine konkrete Handelskette:
England – William Petersen – John Butler – Heinrich Bullinger – Rudolf Schinz – Glarus.
29. März 1540: Die Lieferung ist ein Desaster
Gut einen Monat später erfahren wir, wie die Sache ausgegangen ist.
Nicht gut.
Butler schreibt:
ex mercatis lignis quantam jacturam fecerit W. Peterson
William Petersen habe mit den gekauften Hölzern einen erheblichen Verlust erlitten.
Butler macht dabei keineswegs das gesamte Schweizer Holz verantwortlich. Im Gegenteil: Er sagt ziemlich deutlich, Petersen trage einen erheblichen Teil der Verantwortung selbst, weil er bereits bei der Auswahl der Rohlinge in Glarus nicht sorgfältig genug gewesen sei.
Butler hatte die Ware offenbar sogar persönlich gesehen.
Noch bevor Petersen Basel verliess, habe er ihm beim ersten Anblick der Stücke vorausgesagt, dass er diesen Einkauf in England bereuen werde.
Dann folgt die aussergewöhnlich konkrete technische Spezifikation:
unumquodque arcuum fissile, tres digitos crassum, quadratumque, septemque pedes longum, et sine nodis bene politum...
Jeder Bogenrohling sollte also ungefähr drei Finger stark, vierkantig, sieben Fuss lang, astfrei und sauber zugerichtet sein.
Doch:
vix ullum huic normae ac descriptioni respondebat.
Kaum eines entsprach dieser Norm und Beschreibung.
Das ist für die Technikgeschichte bemerkenswert.
Wir besitzen hier nicht bloss den Hinweis auf einen Handel mit Bogenholz, sondern praktisch eine über 480 Jahre alte technische Lieferspezifikation.
Und Bullinger soll nun eingreifen.
Petersen bittet darum, die Schweizer Lieferanten auf den Schaden hinzuweisen und dafür zu sorgen, dass zukünftige Stücke nach der beschriebenen Norm kontrolliert werden.
4. April 1540: Petersen hinterlässt sogar ein Muster
Nur wenige Tage später wird die Geschichte noch konkreter.
Im Brief vom 4. April 1540 bezeichnet Butler William Petersen ausdrücklich als:
mercator
also als Kaufmann.
Und mit einem gewissen Humor charakterisiert er ihn sinngemäss als einen Kaufmann, der nicht unbedingt vom Glück begünstigt, aber ein rechtschaffener Christ sei.
Noch wichtiger ist jedoch, was Butler über die Herstellung schreibt.
Bullinger soll Rudolf Schinz daran erinnern, die gespaltenen Bogenrohlinge sorgfältig zu glätten und herzurichten. Sie sollen möglichst vierkantig sein und an keiner Stelle weniger als drei Finger stark.
Bei der Länge soll Schinz sich an einem bestimmten Mass orientieren.
Denn Petersen hatte bei ihm offenbar tatsächlich ein Muster beziehungsweise eine Vorlage zurückgelassen.
Das ist eine erstaunliche Information.
Wir sehen hier im Jahr 1540 bereits eine Form von technischer Standardisierung und Qualitätskontrolle im internationalen Handel.
Nicht einfach:
„Schickt uns ein paar schöne Holzstücke.“
Sondern:
bestimmte Dimensionen, bestimmte Qualität – und sogar ein physisches Muster.

Mai 1540: Jetzt droht auch Rudolf Schinz Verlust
Die Angelegenheit war damit noch keineswegs beendet.
Um den 16. Mai 1540 schreibt Butler erneut an Bullinger. Petersen werde weiterhin erwartet. Sollte er nicht erscheinen, müsse man sogar fürchten, dass er auf seiner Reise durch Frankreich festgenommen worden sei.
Gleichzeitig schreibt Butler, dass die Engländer versuchen würden, dafür zu sorgen, dass auch Schinz keinen allzu grossen Verlust erleide.
Damit wird deutlich:
Die misslungene Lieferung war kein einseitiges Problem Petersens.
Hier hing ein reales Geschäft zwischen englischen Käufern und Schweizer Lieferanten in der Schwebe.
Die Briefe dokumentieren also eine regelrechte kleine Bogenholz-Affäre von 1539/40 – über mehrere Monate hinweg.
Und zwei Jahre später wird es noch interessanter
Am 10. November 1542 schreibt John Butler erneut an Bullinger.
Diesmal steht nicht Petersen im Zentrum, sondern der Engländer John Burcher.
Und jetzt verändert sich das Vorgehen fundamental.
Butler schreibt, Burcher habe berichtet, wie eifrig Bullinger sich beim Zürcher Magistrat für sein Vorhaben eingesetzt habe:
in comparandis lignis ad conficiendos arcus
also bei der:
Beschaffung von Holz zur Herstellung von Bögen.
Dann folgt der entscheidende Satz:
Id autem genus ligni abunde provenire in quadam silva dominis Tigurinis subdita...
Burcher habe erklärt, dass diese Holzart in grosser Menge in einem Wald vorkomme, der den Zürcher Herren unterstehe.
Und Burcher hoffte auf die Erlaubnis:
eligendarum arborum suo proposito aptarum
also:
die für seinen Zweck geeigneten Bäume selbst auswählen zu dürfen.
Das ist aussergewöhnlich konkret.
Wir haben damit 1542 einen englischen Interessenten, einen Zürcher Wald, geeignete Bäume für Bogenholz, den Zürcher Rat – und Heinrich Bullinger als Vermittler dazwischen.

War die Erfahrung von Glarus der Grund?
Es drängt sich ein Gedanke auf.
1539/40 wurden fertig ausgesuchte beziehungsweise zugerichtete Rohlinge in Glarus beschafft – und die Qualität erwies sich als katastrophal.
1542 möchte ein anderer Engländer dagegen offenbar geeignete Bäume direkt im Wald auswählen.
Das könnte durchaus eine Konsequenz der schlechten Erfahrungen von 1540 gewesen sein.
Aber hier ist Quellenkritik wichtig:
Die Briefe sagen nicht ausdrücklich, dass das eine die Folge des anderen war.
Es ist eine plausible Interpretation – mehr nicht.
Und gerade diese Trennung zwischen Quelle und Interpretation macht historische Forschung glaubwürdig.
War dieses Holz tatsächlich Eibe – und lag der Wald am Albis?
Auch hier müssen wir sauber unterscheiden.
Im Butler-Brief von 1542 steht weder „Eibe“ noch „Albis“.
Der lateinische Text spricht von ligna ad conficiendos arcus, also von Holz zur Herstellung von Bögen, und von einem Wald unter Zürcher Herrschaft.
Die Verbindung zur Eibe und zum Albis stammt aus weiteren historischen und forstwissenschaftlichen Quellen.
Der Botaniker Paul Vogler beschäftigte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausführlich mit der Geschichte der Schweizer Eibe. Er kannte die Bullinger-Korrespondenz und schilderte genau den Fall William Petersens: den Einkauf in Glarus, die mangelhafte Lieferung und die spätere Suche nach geeignetem Bogenholz im Zürcher Gebiet. Vogler verweist zudem auf eine ihm mitgeteilte Briefstelle, wonach ein Waldstück am Albis, wo dieses „Holz für Bogen“ besonders gut wachse, von Interesse gewesen sei.
Die moderne schweizerische Forstliteratur ist ebenfalls eindeutig: Eibenholz wurde bereits seit dem 15. Jahrhundert aus dem Albisgebiet nach England exportiert.
Deshalb ist die Identifikation des gesuchten Bogenholzes als Eibe historisch sehr gut begründet.
Trotzdem gilt:
Der konkrete Butler-Brief von 1542 sagt lediglich Bogenholz in einem Zürcher Wald.
Die Verbindung zu Eibe und Albis ergibt sich erst aus dem Zusammenspiel weiterer Quellen.
Der Uetliberg und der Albis: eines der grossen Eibenrefugien Europas
Heute ist der biologische Hintergrund eindeutig.
Das natürliche Eibenvorkommen im Gebiet Uetliberg–Albis gehört zu den bedeutendsten Europas.
Und seine Geschichte ist alles andere als selbstverständlich.
Als der Förster Willi Federer 1964 das Zürcher Waldrevier Uetliberg übernahm, erkannte er, dass dort zwar zahlreiche grosse und alte Eiben standen, die natürliche Verjüngung aber problematisch war. Federer und seine Nachfolger setzten sich gezielt für den Erhalt des Bestandes ein. Gemeinsam mit Willy Spörri und Roland Bosshard wurden sie später als die „Eibenväter vom Uetliberg“ bezeichnet.
Auch hier gibt es eine persönliche Verbindung.
Mein Onkel Uli Stehli erinnert sich an Willi Federer und dessen Arbeit am Uetliberg noch aus eigener Erfahrung.
Uli Stehli – die lebende Verbindung zum Uetliberg
Hier schliesst sich der Kreis beinahe unglaublicherweise.
Eine Publikation von Grün Stadt Zürich und der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL nennt Uli Stehli ausdrücklich im Zusammenhang mit dem Uetliberg.
Dort heisst es, der bekannte Bogenbauer Uli Stehli komme ein- bis zweimal jährlich ins Forstrevier Uetliberg und suche dort das Eibenholz für seine traditionellen englischen Langbögen persönlich aus.
Man muss sich diese historische Klammer einmal vor Augen führen:
Im 16. Jahrhundert versuchen Engländer, in der Schweiz geeignetes Bogenholz zu beschaffen. Nach einer misslungenen Lieferung aus Glarus wird wenige Jahre später sogar darum gebeten, geeignete Bäume in einem Zürcher Wald persönlich auswählen zu dürfen.
Jahrhunderte später kommt mein Onkel Uli Stehli an den Uetliberg – und macht im Grunde genau das:
Er sucht geeignete Eiben für traditionelle englische Langbögen persönlich aus.
Er baut weiterhin Bögen, schmiedet historische Pfeilspitzen, beschäftigt sich mit Rekonstruktionen vorgeschichtlicher und mittelalterlicher Waffen und nimmt weiterhin aktiv an traditionellen Bogenturnieren teil.
Sein Wissen stammt aus jahrzehntelangem Lesen, Forschen, Ausprobieren und praktischem Handwerk.
In den Videogesprächen über Bogenbau, Eibenholz und Bogengeschichte erzählt er sein Wissen frei aus dem Kopf – ohne Skript.

Bullinger war weit mehr als der Mann nach Zwingli
Die Bogenholzbriefe erzählen aber noch eine zweite Geschichte.
Heinrich Bullinger wird in Zürich häufig auf eine Rolle reduziert:
Zwingli stirbt 1531 bei Kappel – Bullinger wird sein Nachfolger – Bullinger führt die Zürcher Reformation weiter.
Das ist richtig.
Aber es ist unvollständig.
Bullinger hinterliess einen der umfangreichsten Briefwechsel des gesamten 16. Jahrhunderts.
Rund 12'000 Briefe sind erhalten: ungefähr 10'000 an ihn und rund 2000 von ihm. Mehr als 1000 Personen und Institutionen gehörten zu seinem Netzwerk; rund vier Fünftel der erhaltenen Korrespondenz ist lateinisch.
Und diese Briefe handeln keineswegs nur von Abendmahl, Dogmatik und Kirchenordnung.
Bullinger Digital beschreibt die Korrespondenz ausdrücklich als Quelle für politische Ereignisse, wirtschaftliche Verhältnisse und den Alltag der Frühen Neuzeit.
Die Butler-Briefe zeigen das beispielhaft.
London, Zürich und ein europäisches Netzwerk
Bereits 1537 begegnen uns Butler, Nicholas Partridge, Nicholas Eliott und Bartholomew Traheron als Männer, die persönlich in Zürich waren und Bullinger ausserordentlich dankbar für seine Hilfe und seine Empfehlungen sind.
Am 8. März 1539 schreiben Butler und seine Freunde gemeinsam aus London an Konrad Pellikan, Leo Jud, Heinrich Bullinger und Theodor Bibliander.
Der Brief handelt von:
englischer Innenpolitik, der Reformation unter Heinrich VIII., Hinrichtungen, Kriegsaussichten, Frankreich, Spanien, Schottland, dem Papst, Thomas Cromwell, kirchlichen Reformen, persönlichen Karrieren und internationalen Kontakten.
Das ist keine isolierte theologische Gelehrtenkorrespondenz.
Es ist ein europäisches Informationsnetzwerk.
Bücher, Geld, Handschuhe – und Bogenholz
Noch deutlicher wird das im Brief vom 4. April 1540.
Innerhalb eines einzigen Schreibens geht es um:
englische Münzen, Geldtransfers, Arbeiten Theodor Biblianders, Werke Zwinglis, Oxforder Handschuhe, Nachrichten aus England – und die exakten Masse von Bogenrohlingen.
Das ist bemerkenswert.
Durch dieselben Kommunikationskanäle liefen:
theologische Texte, Nachrichten, Geld, Waren, technische Informationen und persönliche Empfehlungen.
Der Bullinger-Briefwechsel ist deshalb nicht einfach nur eine Sammlung von theologischen Briefen.
Er ist ein Fenster in das politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche und alltägliche Europa des 16. Jahrhunderts.
Bullinger als Vermittler
Die Bogenholzbriefe machen Bullinger selbstverständlich nicht zum Holzhändler.
Aber sie zeigen seine aussergewöhnliche Stellung.
Englische Kaufleute und reformierte Glaubensgenossen wussten:
Wenn man in Zürich oder der Eidgenossenschaft jemanden brauchte, der Zugang zu Menschen, Behörden und Entscheidungsträgern hatte, dann konnte Heinrich Bullinger helfen.
Im Fall von John Burcher tat er genau das.
Der Brief von 1542 bedankt sich ausdrücklich dafür, dass Bullinger beim:
magistratum Tigurinum
also beim Zürcher Magistrat beziehungsweise Rat
für die Beschaffung von Bogenholz interveniert hatte.
Bullinger war damit ein Vermittler zwischen einem englischen Netzwerk und der politischen Obrigkeit Zürichs.
Und dann stehen plötzlich römische Münzen im Postskriptum
Das vielleicht schönste Detail des Briefes vom 29. März 1540 steht ganz am Ende.
Nachdem Butler über England, Petersen, Glarner Holz und mangelhafte Bogenrohlinge geschrieben hat, fügt er hinzu:
Hactenus nihil intellexi an numismata Romana exceperis.
Sinngemäss:
„Bis jetzt habe ich noch nichts darüber erfahren, ob du die römischen Münzen erhalten hast.“
Was für ein Postskriptum.
Wir wissen aus diesem einen Satz nicht, weshalb Bullinger die römischen Münzen erhalten sollte.
Man sollte deshalb nicht einfach behaupten, Bullinger sei ein systematischer Antikensammler gewesen.
Aber es zeigt wunderbar, wie breit dieses Netzwerk war.
Durch dieselben Verbindungen, durch die Nachrichten über die englische Reformation und Handelsprobleme mit Schweizer Bogenholz liefen, wurden offenbar auch antike Gegenstände verschickt.
Bullinger der Historiker
Dieses breite Interesse passt durchaus zu Bullingers eigener Arbeit.
Er war nicht nur Theologe, Prediger und Kirchenorganisator.
Er beschäftigte sich intensiv mit Geschichte, Politik und dem Gemeinwesen.
Sein riesiger Briefwechsel wurde zu einem europäischen Nachrichtennetz, in dem Nachrichten aus England, Deutschland, Frankreich oder Italien in Zürich eintrafen und von dort weiterverbreitet wurden. Mit rund 12'000 erhaltenen Briefen ist seine Korrespondenz von aussergewöhnlichem Umfang und historischer Bedeutung.
Deshalb sollten wir Bullinger nicht einfach auf die Formel:
„Nachfolger Zwinglis“
reduzieren.
Er war selbstverständlich einer der grossen reformierten Theologen des 16. Jahrhunderts.
Aber er war zugleich Historiker, Autor, politischer Beobachter, Informationssammler, Netzwerker und Vermittler.
Die Bogenholzgeschichte zeigt das geradezu exemplarisch.
Eine Zürcher Geschichte von der Steinzeit bis heute
Wenn wir alle Spuren zusammenführen, entsteht eine bemerkenswerte Kontinuität.
Vor rund 5000 Jahren fertigen Menschen an den Ufern des Zürichsees hochwertige Bögen aus Eibenholz. Zwanzig solcher Bögen kamen allein bei der Ausgrabung beim heutigen Parkhaus Opéra wieder ans Licht.
1539 vereinbart der englische Kaufmann William Petersen mit Rudolf Schinz und anderen Leuten in Glarus ein Geschäft über Bogenmaterial.
24. Februar 1540 bittet John Butler Heinrich Bullinger, dafür zu sorgen, dass Petersen bei seiner Reise nicht vergeblich kommt.
29. März 1540 wissen wir: Das Geschäft ist schiefgelaufen. Die gelieferten Bogenrohlinge erfüllen kaum die geforderten Masse und Qualitätsanforderungen.
4. April 1540 erfahren wir, dass Petersen sogar eine Vorlage für die richtige Länge hinterlassen hatte und Rudolf Schinz die neuen Rohlinge entsprechend bearbeiten sollte.
Im Mai 1540 versucht Butler, auch Schinz vor einem zu grossen wirtschaftlichen Schaden zu bewahren.
1542 setzt sich Heinrich Bullinger persönlich beim Zürcher Rat dafür ein, dass ein Engländer geeignete Bäume aus einem Zürcher Wald für die Herstellung von Bögen auswählen darf.
Spätere botanische und forsthistorische Forschung verbindet diesen Handel mit der Eibe und dem Albisgebiet. Die moderne WSL-Darstellung hält fest, dass Eibenholz seit dem 15. Jahrhundert aus dem Albisgebiet nach England exportiert wurde.
Im 20. Jahrhundert kümmern sich Förster wie Willi Federer um das Überleben der aussergewöhnlichen Eibenbestände am Uetliberg.
Und Jahrzehnte später kommt mein Onkel Uli Stehli genau dorthin und sucht persönlich Eibenholz für traditionelle englische Langbögen aus. Auch das ist schriftlich dokumentiert.
Vielleicht ist das die schönste Pointe dieser ganzen Geschichte:
Der Bogen verbindet Zürich über fünf Jahrtausende.
Von den Pfahlbauern am See über Glarner Holzhändler und Heinrich Bullingers Schreibstube bis zu den Eibenwäldern am Uetliberg.
Und manchmal beginnt historische Forschung tatsächlich mit einem Stück Holz, das vor fast 500 Jahren einfach zu astig, falsch zugerichtet oder schlecht ausgewählt worden war.

Quellen und weiterführende Literatur
Die wichtigsten Primärquellen für diesen Beitrag sind die vollständigen Butler-Briefe aus dem Bullinger-Briefwechsel: der Brief vom 24. Februar 1540 zur vereinbarten Lieferung mit Rudolf Schinz in Glarus , der Brief vom 29. März 1540 mit der detaillierten Reklamation und den Massen der Bogenrohlinge , der Brief vom 4. April 1540 mit William Petersen als Kaufmann, Rudolf Schinz, dem hinterlegten Muster und Konrad Pellikan als Butlers Gastgeber , der Brief um den 16. Mai 1540 mit der Sorge um Petersens Ankunft und den drohenden Verlust für Schinz sowie der Brief vom 10. November 1542 über Bullingers Intervention beim Zürcher Rat und die Auswahl geeigneter Bäume für die Bogenherstellung.
Für das grössere Bullinger-Netzwerk sind zudem die Briefe von 1537 und 8. März 1539 wichtig, welche die persönlichen Beziehungen Butlers und seiner englischen Freunde zu Bullinger, Pellikan, Leo Jud und Bibliander dokumentieren.
Für den historischen und naturkundlichen Kontext besonders wichtig sind Bullinger Digital und die Briefwechselforschung der Universität Zürich , Paul Voglers Untersuchung zur Eibe in der Schweiz , die WSL-Darstellungen zur Geschichte der Eibe und zum Export von Eibenholz aus dem Albisgebiet nach England , die archäologischen Zürcher Bogenfunde sowie die erhaltenen Eibenlangbögen der Mary Rose.


Für die praktische Seite des historischen Bogenbaus ist ausserdem Uli Stehli zentral – nicht nur als mein Onkel, sondern als Bogenbauer und unabhängiger Historiker, dessen jahrzehntelange Erfahrung mit Eibenholz und historischen Bogenformen viele der hier behandelten Fragen überhaupt erst ins Blickfeld rückt.
Seine Gespräche und Videobeiträge zum traditionellen Bogenbau sind im Umfeld von WAMPUTAH auf YouTube zu finden.
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