Halloween in Zürich – zwischen Allerheiligen, Reformation und dunkler Stadtgeschichte
Aktualisiert: 27. Sept.
Wenn Ende Oktober in Zürich Kürbisse vor Restaurants stehen, Schaufenster mit künstlichen Spinnweben dekoriert werden und sich Menschen als Hexen, Geister oder Untote verkleiden, wirkt Halloween zunächst wie ein vollständig importiertes Fest. Tatsächlich gehört das moderne Halloween mit «Trick or Treat», Jack-o’-Lanterns und Horrorästhetik nicht zum traditionellen Zürcher Brauchtum. Wer jedoch etwas tiefer gräbt, stösst ausgerechnet beim 31. Oktober auf Themen, die für Zürich über Jahrhunderte von grosser Bedeutung waren: Heilige und Märtyrer, Tod und Jenseits, Friedhöfe und Pest, Reformation und religiöser Wandel, Hexenglaube und Strafjustiz.
Gerade deshalb lohnt sich ein historischer Blick hinter Kürbis und Totenkopf.
Denn unabhängig davon, wie man persönlich zu Halloween steht, stellt der Abend Fragen, mit denen sich Menschen seit Jahrhunderten beschäftigen: Wie gehen wir mit Tod und Vergänglichkeit um? Wie erklären Menschen das Unerklärliche? Wo endet Religion und wo beginnt Aberglaube? Und was kann geschehen, wenn Angst irgendwann zu Gewissheit wird?
Für Zürich sind das keineswegs theoretische Fragen.
Was bedeutet «Halloween» eigentlich?
Schon der Name ist weniger geheimnisvoll, als seine heutige Verwendung vermuten lässt. Halloween, in älterer Schreibweise auch Hallowe’en, geht auf All Hallows’ Eve zurück, also den Abend vor Allerheiligen am 1. November. Das englische hallow bezeichnet etwas Heiliges beziehungsweise einen Heiligen. Auf Allerheiligen folgt am 2. November traditionell Allerseelen, der Gedenktag für die Verstorbenen.
Damit gehört der 31. Oktober zunächst in einen christlichen Kalenderzusammenhang. Die heute verbreitete Behauptung, Halloween sei schlicht das alte keltische Fest Samhain unter einem neuen Namen, greift historisch allerdings zu kurz. Samhain ist als irisch-keltischer Festtermin tatsächlich belegt und markierte den Übergang zur dunklen Jahreshälfte. Spätere irische Überlieferungen verbinden diese Zeit auch mit übernatürlichen Wesen und Vorstellungen einer besonderen Nähe zwischen der Welt der Lebenden und jener der Toten. Die christlichen Gedenktage für Märtyrer und Heilige entstanden jedoch in anderen Zusammenhängen und entwickelten sich über einen langen Zeitraum.
Das heutige Halloween ist deshalb weniger die geradlinige Fortsetzung eines einzigen antiken Festes als das Ergebnis verschiedener historischer Schichten. Christlicher Festkalender, britisch-irische Volksbräuche, Vorstellungen von Tod und Geistern sowie die spätere Entwicklung in Nordamerika haben sich miteinander verbunden und gegenseitig verändert. Erst von dort gelangte jenes Halloween nach Europa zurück, das wir heute vor allem mit Kürbissen, Kostümen und Süssigkeiten verbinden.
Die Geschichte ist also interessanter als die einfache Formel «heidnisches Fest wurde christlich umbenannt».
Und was hat das mit Zürich zu tun?
Im spätmittelalterlichen Zürich zogen am Abend des 31. Oktober selbstverständlich keine Kinder mit Kürbislaternen durch die Gassen und verlangten Süssigkeiten. Niemand hätte das Wort «Halloween» verwendet. Trotzdem lebten die Menschen in einer Welt, in der Tod, Jenseits und Religion wesentlich sichtbarer zum Alltag gehörten als heute.
Kirchhöfe befanden sich mitten in der Stadt. Glocken strukturierten den Tagesablauf. Heilige galten als Fürsprecher. Reliquien besassen eine grosse religiöse Bedeutung. Krankheit und Tod konnten innerhalb weniger Wochen ganze Familien treffen. Die Grenze zwischen natürlicher Erklärung, göttlichem Wirken und vermeintlich übernatürlichen Ursachen wurde anders gezogen als in einer modernen naturwissenschaftlich geprägten Gesellschaft.
Wer also nach dem historischen Zürich hinter Halloween sucht, sollte nicht nach Kürbissen suchen. Viel ergiebiger ist die Frage, wie Zürich mit seinen Toten umging.
Der Lindenhof – Aussichtspunkt über den Gräbern
Kaum ein Ort zeigt die vielen historischen Schichten Zürichs deutlicher als der Lindenhof. Auf dem Hügel befand sich bereits in römischer Zeit eine befestigte Anlage; später entstanden hier königliche Pfalzgebäude. Nachdem 1218 der letzte Zähringer gestorben war, verlor der Ort seine alte politische Funktion, und aus dem ehemaligen Machtzentrum entwickelte sich allmählich jener öffentliche Platz, den wir heute kennen.
Weniger bekannt ist, dass Teile der Lindenhofterrasse bis ins 14. Jahrhundert von vornehmen Zürcher Familien als Friedhof genutzt wurden. Wo heute Schach gespielt wird, Touristinnen und Touristen fotografieren und sich der Blick über Limmat, Grossmünster und Altstadt öffnet, befanden sich einst Gräber.
Das ist kein spektakulärer Halloween-Grusel, sondern etwas historisch viel Interessanteres: Im mittelalterlichen Zürich waren die Toten nicht konsequent aus dem Lebensraum der Lebenden entfernt. Friedhöfe und Begräbnisplätze gehörten zum Stadtbild. Der Tod war nicht irgendwo ausserhalb der Stadt versteckt.
Er lag mitten in ihr.
Felix und Regula – Zürichs berühmteste Tote
Noch deutlicher wird die Verbindung zwischen Stadt, Tod und Heiligkeit an der Wasserkirche. Nach der Zürcher Überlieferung sollen die Stadtheiligen Felix und Regula während der spätantiken Christenverfolgungen an diesem Ort hingerichtet worden sein. Die Legende erzählt, die beiden Enthaupteten hätten ihre Köpfe aufgenommen und seien noch ein Stück den Hang hinaufgegangen, bevor sie sich an der Stelle ihres späteren Grabes niedergelassen hätten.
Historisch beweisen lässt sich diese spektakuläre Episode nicht. Genau deshalb ist es wichtig, zwischen Geschichte und Überlieferung zu unterscheiden. Eine Legende ist jedoch nicht bedeutungslos, nur weil sie keine Tatsachenreportage darstellt. Sie zeigt uns, welche Orte Menschen für heilig hielten, welche Geschichten sie weitererzählten und wie eine Stadt ihre eigene Vergangenheit interpretierte.
Bei der Wasserkirche kommt hinzu, dass Archäologie und Überlieferung auf interessante Weise zusammentreffen. In der Krypta wurden hochmittelalterliche Bestattungen nachgewiesen. Menschen liessen sich bewusst in der Nähe eines geheiligten Ortes begraben, vermutlich auch in der Hoffnung auf die Fürsprache der dort verehrten Heiligen im Jenseits. Die Kirche war also nicht nur Erinnerungsort einer Legende, sondern tatsächlich ein Bestattungsplatz.
Tod, Heiligkeit und Stadtlandschaft gehörten damit unmittelbar zusammen.
Allerheiligen im vorreformatorischen Zürich
Vor der Reformation gehörte Zürich zur westlichen katholischen Christenheit. Das religiöse Leben war geprägt von Heiligenfesten, Reliquien, Messfeiern, Prozessionen, Fürbitten und der Vorstellung des Fegefeuers. Heilige waren nicht lediglich historische Vorbilder, sondern Teil eines religiösen Weltbildes, in dem Lebende und Verstorbene miteinander verbunden gedacht wurden.
Auch Felix und Regula besassen innerhalb dieser Vorstellungswelt eine zentrale Bedeutung. Ihre Reliquien und ihre Verehrung gehörten zur religiösen Identität der Stadt. Allerheiligen und Allerseelen passten in ein System, das Erinnerung, Fürbitte, Heil und Jenseits miteinander verband.
Dann kam die Reformation. Und Zürich veränderte sein Verhältnis zu dieser religiösen Welt grundlegend.

Der 31. Oktober – ausgerechnet auch Reformationstag
Der 31. Oktober besitzt im protestantischen Gedächtnis noch eine zweite Bedeutung. Am 31. Oktober 1517 brachte Martin Luther seine berühmten 95 Thesen gegen den Ablasshandel in Umlauf. Das Bild des Reformators, der seine Thesen mit einem Hammer an die Tür der Wittenberger Schlosskirche schlägt, gehört zu den bekanntesten Szenen der europäischen Geschichte, ist in dieser konkreten Form historisch allerdings nicht zweifelsfrei belegt. Das Datum selbst ist dagegen eng mit der Veröffentlichung der Thesen verbunden und wurde später zum Reformationstag.
Für Zürich ist dabei eine Unterscheidung wichtig: Die Zürcher Reformation war nicht einfach eine schweizerische Ausgabe von Luthers Reformation. Huldrych Zwingli trat Anfang 1519 sein Amt am Grossmünster an und entwickelte seine reformatorischen Positionen teilweise unabhängig und parallel zu Luther. In wichtigen theologischen Fragen – etwa beim Abendmahl – gingen die beiden später sogar deutlich auseinander.
Mit Unterstützung des Zürcher Rates setzte sich Zwinglis Reformprogramm innerhalb weniger Jahre durch. Er kritisierte die Heiligenverehrung, stellte die Vorstellung des Fegefeuers infrage und verlangte eine konsequente Orientierung an der Bibel. Zwischen 1523 und 1525 wurde dieser Wandel im Stadtbild unübersehbar: Bilder und Altäre verschwanden aus den Kirchen, Klöster wurden aufgehoben und die katholische Messe wurde abgeschafft.
Damit veränderte sich nicht nur der Gottesdienst. Auch das Verhältnis zu den Heiligen, zu den Toten und zu den traditionellen Formen des Totengedenkens wurde neu geordnet.
Was geschieht nach der Reformation mit Allerheiligen?
Im vorreformatorischen Zürich existierte ein religiöses System, in dem Heiligenverehrung, Gebete für Verstorbene, Reliquien und Vorstellungen vom Fegefeuer miteinander verbunden waren. Zwinglis Theologie stellte wesentliche Teile davon infrage. Für die reformierte Stadt verloren damit auch die traditionellen katholischen Formen von Allerheiligen und Allerseelen ihre bisherige theologische Bedeutung.
Besonders anschaulich zeigt sich dieser Bruch an Felix und Regula. Ihre Verehrung hatte das mittelalterliche Zürich über Jahrhunderte geprägt. Mit der Reformation verschwand der Heiligenkult aus dem offiziellen kirchlichen Leben. Reliquien und Bilder verloren ihre bisherige Bedeutung oder wurden entfernt. Orte blieben bestehen, aber ihre Interpretation änderte sich.
Der Übergang vom katholischen zum reformierten Zürich war deshalb weit mehr als ein theologischer Streit zwischen Gelehrten. Er veränderte das kollektive Gedächtnis der Stadt.
Der Tod selbst verschwand dadurch selbstverständlich nicht.
Zürich und der allgegenwärtige Tod
Ausgerechnet im Jahr von Zwinglis Amtsantritt am Grossmünster wurde Zürich von einer schweren Pestwelle getroffen. Zu Beginn des Jahres 1519 lebten ungefähr 7000 Menschen in der Stadt; rund 2100 von ihnen starben während des Pestzuges. Auch Zwingli erkrankte schwer, überlebte jedoch.
Solche Zahlen lassen sich aus unserer heutigen Erfahrungswelt nur schwer begreifen. In einer kleinen Stadt bedeutete der Tod von annähernd einem Drittel der Bevölkerung, dass praktisch jede Familie und jede Nachbarschaft betroffen war. Eltern verloren Kinder, Kinder ihre Eltern, Ehepartner ihre Partner. Menschen, die man gestern noch auf der Gasse getroffen hatte, konnten wenige Tage später tot sein.
Zürich wurde über Jahrhunderte immer wieder von Pestzügen heimgesucht. Der Tod war deshalb nicht die abstrakte Möglichkeit am Ende eines langen Lebens, sondern eine konkrete Erfahrung, die jederzeit in das eigene Haus eindringen konnte. Wer verstehen möchte, weshalb frühneuzeitliche Menschen anders über Krankheit, göttliche Strafe und unerklärliche Ereignisse nachdachten, muss diese Lebenswirklichkeit berücksichtigen.
Wenn niemand weiss, warum etwas geschieht
Heute können Krankheiten bakteriologisch oder virologisch erklärt werden. Veterinärmedizin erklärt, warum ein Tier erkrankt, Meteorologie, weshalb Hagel fällt, und moderne Diagnostik kann Ursachen körperlicher Beschwerden untersuchen. Menschen der Frühen Neuzeit verfügten über dieses Wissen nicht.
Das bedeutet keineswegs, dass sie grundsätzlich irrational oder unintelligent waren. Sie beobachteten ihre Umwelt teilweise sehr genau und besassen medizinische, landwirtschaftliche und handwerkliche Erfahrungskenntnisse. Doch wenn eine Ursache nicht erkennbar war, musste das Ereignis innerhalb der damals vorhandenen Weltbilder interpretiert werden.
Warum wird ein Kind plötzlich krank? Weshalb gibt eine Kuh keine Milch mehr? Warum stirbt ein Kalb? Weshalb fällt gerade auf dieses Feld Hagel? Und warum treten Beschwerden kurz nach einem Streit mit einer bestimmten Person auf?
Wo natürliche Ursachen unbekannt blieben, konnten andere Erklärungen plausibel erscheinen. Genau an diesem Punkt begegnen wir einer der dunkelsten Seiten der Zürcher Geschichte.
Hexen in Zürich?
Heute gehört die Hexe fast selbstverständlich zur Halloweenwelt. Mit schwarzem Hut, Besen und schwarzer Katze ist sie zur harmlosen Figur zwischen Kinderkostüm, Film und Dekoration geworden. In der Frühen Neuzeit konnte der Vorwurf der Hexerei dagegen existenzielle Folgen haben. Zwischen 1487 und 1701 wurden im alten Stadtstaat Zürich mehr als 80 Frauen und Männer in Hexenprozessen zum Tod verurteilt.
Dabei darf der Begriff «Stadtstaat Zürich» nicht mit der heutigen Stadt verwechselt werden. Zürich beherrschte ein grosses Territorium, das weit in das Gebiet des heutigen Kantons hineinreichte. Die meisten Hexenverfahren fanden deshalb nicht innerhalb der Stadtmauern statt, sondern in den von Zürich regierten Landschaften.
Gerade deshalb ist die Geschichte von Agatha Studler so bemerkenswert. Sie zeigt, dass sich die Hexenverfolgung nicht nur irgendwo in abgelegenen Dörfern abspielte, sondern im Ausnahmefall bis mitten in die Zürcher Stadtgesellschaft reichen konnte.
Agatha Studler – eine «Hexe» aus der Zürcher Altstadt
Agatha Studler entsprach kaum dem später entstandenen Klischee einer armen, alten Kräuterfrau, die isoliert am Waldrand lebte. Sie war eine wohlhabende Zürcher Bürgerin, gesellschaftlich vernetzt und Besitzerin des Hauses «zur Meerkatze» an der Unteren Zäune 1, an dessen Stelle heute das Chamhaus steht.
Bereits 1539 musste sie sich gegen Hexereivorwürfe verteidigen und kam damals frei. Sieben Jahre später wurde sie erneut angeklagt. Zu den Anschuldigungen gehörte unter anderem, sie habe ihren zweiten Ehemann Adam Fry «unter dem Gürtel» gelähmt. Ein bemerkenswertes Detail der Überlieferung macht diesen Vorwurf zumindest erklärungsbedürftig: Derselbe Mann soll in jener Zeit mehrere uneheliche Kinder gezeugt haben.
1546 wurde Agatha Studler schliesslich zum Tod verurteilt. Sie wurde nicht auf einem Scheiterhaufen verbrannt, sondern in der Limmat ertränkt. Das Stadtarchiv Zürich bezeichnet sie als das einzige bekannte Opfer der Hexenverfolgung aus der eigentlichen Stadt Zürich.
Gerade hier verändert sich die Perspektive auf das moderne Hexenbild. Für Agatha Studler war «Hexe» kein Kostüm und keine Fantasiefigur, sondern eine Anschuldigung, die mit ihrem Tod endete.
Wasterkingen 1701 – wenn Läuse und saure Milch tödlich werden
Noch eindrücklicher ist der letzte grosse Zürcher Hexenprozess. Er begann im Jahr 1701 in Wasterkingen, einem Dorf im heutigen Zürcher Unterland. Die konkreten Vorwürfe wirken aus moderner Sicht beinahe banal: Ein Ochse wollte den Pflug nicht mehr ziehen, Milch wurde nicht zu Rahm, eine Frau hatte Läuse, eine andere litt unter Bauchschmerzen, bei einem Kind schwoll das Bein an und ein Kalb starb.
In einer Gesellschaft, in der Schadenszauber grundsätzlich für möglich gehalten wurde, konnten solche einzelnen Ereignisse jedoch miteinander verbunden werden. Aus Zufällen entstand ein vermeintliches Muster, aus einem Verdacht wurden Anschuldigungen und aus Anschuldigungen ein Strafverfahren.
Mehrere Beschuldigte wurden nach Zürich gebracht und im Wellenberg, dem damaligen Gefängnisturm mitten in der Limmat, eingesperrt. Dort wurden sie verhört und schwer gefoltert. Ziel der Untersuchung war nicht lediglich das Eingeständnis eines einzelnen Schadens, sondern letztlich auch der Nachweis einer Verbindung mit dem Teufel.
Gerade die Folter erzeugte dabei einen gefährlichen Mechanismus. Wer nicht gestand, konnte weiter gefoltert werden. Wer gestand, bestätigte damit den Verdacht. Wenn während der Verhöre weitere Namen genannt wurden, entstanden neue Verdächtige. Ein System, das seine Grundannahme bereits voraussetzt, kann auf diese Weise seine eigenen «Beweise» produzieren.
Am Ende wurden sieben Frauen und ein Mann zum Tod verurteilt. Eine Frau wurde lebendig verbrannt, die übrigen Verurteilten zunächst enthauptet und ihre Körper anschliessend verbrannt. Mit diesem Verfahren endete 1701 die Geschichte der Zürcher Hexenprozesse.
Die dazugehörigen Akten befinden sich bis heute im Staatsarchiv des Kantons Zürich.
Gerade darin liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen einer historischen Dark-Zürich-Geschichte und einer erfundenen Ghost Tour: Wir brauchen keinen Geist und keinen Fluch. Die Quellen sind bedrückend genug.
Wenn sogar Kinder verdächtig werden
Wie stark ein einmal etabliertes Erklärungssystem wirken konnte, zeigen Verfahren, in denen selbst Kinder unter Hexereiverdacht gerieten. Das Staatsarchiv Zürich hat solche sogenannten Kinderhexenprozesse untersucht. Auch im Zusammenhang mit Wasterkingen wurden Minderjährige in die Untersuchungen hineingezogen.
Das ist vielleicht einer der bedrückendsten Aspekte der Hexenverfolgung. Sobald die Möglichkeit von Hexerei als grundsätzlich real anerkannt war, konnte theoretisch nahezu jeder in das System geraten. Alter, soziale Stellung oder familiäre Beziehungen boten keinen absoluten Schutz.
Damit verschiebt sich auch die historische Fragestellung. Interessanter als die Frage, ob es «Hexen» gab, ist die Frage, was mit einer Gesellschaft geschieht, wenn sie vollkommen davon überzeugt ist, sie gefunden zu haben.
Das alte Zürich roch anders
Neben Pest, Tod und Strafjustiz gibt es noch einen wesentlich alltäglicheren Unterschied zwischen unserer Vorstellung von der romantischen Altstadt und der tatsächlichen Lebenswelt früherer Zürcherinnen und Zürcher: den Geruch.
Der heute noch erhaltene Ehgraben an der Schifflände vermittelt einen Eindruck davon. Im Spätmittelalter fielen Küchenabfälle und menschliche Ausscheidungen aus den rückwärtigen Latrinen der Häuser in solche offenen Zwischenräume hinter den Häuserzeilen. Erst im 19. Jahrhundert veränderten Kloakenreform und moderne Kanalisation diese Verhältnisse grundlegend.
Das historische Zürich bestand aus engen Gassen, dicht stehenden Häusern, Handwerksbetrieben, Tieren, Abfällen, Rauch und Abwasser. Nach Sonnenuntergang gab es keine moderne Strassenbeleuchtung. Hohe Fassaden verschatteten schmale Durchgänge, und mitten in der Limmat stand der Gefängnisturm Wellenberg.
Wer mittelalterliche Städte nur aus Filmen kennt, bekommt meist schöne Fachwerkhäuser, Kerzenlicht und Pferdekutschen gezeigt. Was Filme nur schwer vermitteln können, ist der Geruch.
Auch deshalb braucht Zürich für eine atmosphärische Dark-History-Tour kaum künstliche Dekoration.
Legenden gehören dazu – solange Legenden Legenden bleiben
Natürlich besitzt auch Zürich echte Schauergeschichten und Überlieferungen. Felix und Regula sollen ihre abgeschlagenen Köpfe getragen haben, andere Zürcher Sagen erzählen von Erscheinungen, wunderbaren Ereignissen und unerklärlichen Begebenheiten.
Solche Geschichten gehören zur Kulturgeschichte der Stadt und dürfen erzählt werden. Entscheidend ist lediglich, dass klar bleibt, worüber gesprochen wird. Eine Legende ist eine Legende, ein archivalisch belegter Prozess ein archivalisch belegter Prozess und eine moderne Interpretation wiederum etwas anderes.
Gerade diese Unterscheidung macht Geschichte spannend. Denn manchmal erzählt eine Legende viel darüber, was Menschen glaubten. Und manchmal zeigt ein unscheinbares Gerichtsprotokoll eine Realität, die wesentlich beklemmender ist als jede Legende.
Gehört Halloween also zu Zürich?
Als historischer Zürcher Volksbrauch gehört das moderne Halloween sicherlich nicht zur Stadt. Die heutigen Kürbisse, Kostümpartys und «Trick or Treat»-Bräuche kamen erst in jüngerer Zeit nach Mitteleuropa.
Als Anlass, sich mit Zürichs Geschichte auseinanderzusetzen, funktioniert der 31. Oktober dagegen erstaunlich gut. Der Name Halloween führt zurück zum Vorabend von Allerheiligen und damit zu einer christlichen Tradition des Erinnerns an Heilige und Verstorbene. Dasselbe Datum wurde später zum Symbol der protestantischen Reformation – und kaum eine Stadt in der Schweiz wurde von dieser Reformation nachhaltiger geprägt als Zürich.
Hinzu kommen die Stadtheiligen Felix und Regula, ehemalige Friedhöfe mitten in der heutigen Altstadt, verheerende Pestepidemien, Strafjustiz, der Gefängnisturm Wellenberg, Hexenprozesse und enge Gassen, in denen sich die Struktur der vormodernen Stadt noch immer erkennen lässt.
Man muss Halloween deshalb nicht feiern, um den 31. Oktober historisch faszinierend zu finden.
Vielleicht genügt es, genauer hinzusehen.
Dark Zurich – Creepy Night Special
Genau aus diesem Gedanken heraus bietet ZüriCity.Tours am Samstag, 31. Oktober 2026, eine besondere Abendführung durch die dunkle Geschichte der Zürcher Altstadt an.
Das Dark Zurich – Creepy Night Special verbindet historische Originalorte mit Geschichten über Hexenverfolgungen, Strafjustiz, Pest, Tod und das Leben in der frühneuzeitlichen Stadt. Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, Zürich künstlich mit Geistern und erfundenen Schauermärchen auszustatten. Im Mittelpunkt stehen Menschen, Ereignisse und Orte, die sich historisch belegen lassen – ergänzt durch Legenden dort, wo sie selbst Teil der Zürcher Geschichte geworden sind.
Keine erfundenen Geistergeschichten. Zürichs wahre Geschichte ist dunkel genug.
Eine persönliche Einordnung
Unabhängig von Zürich sehe ich die heutige Entwicklung von Halloween kritisch. Der moderne Halloween-Kommerz mit immer aufwendigerer Dekoration, Horrorästhetik, Kostümen und Verkaufsaktionen ist historisch eine vergleichsweise junge Erscheinung und hat sich in der Schweiz erst seit den 1990er-Jahren breiter etabliert. Mit der jahrhundertelangen Geschichte des 31. Oktober hat diese kommerzielle Form nur noch bedingt zu tun.
Dabei ist es wichtig, die Geschichte nicht zu vereinfachen. Halloween lässt sich weder auf eine einzige heidnische Tradition noch ausschliesslich auf das Christentum zurückführen. Verschiedene britisch-irische Volksbräuche, ältere Traditionen und der christliche Festkalender haben sich über Jahrhunderte überlagert.
Der Name selbst – All Hallows’ Eve – verweist jedoch eindeutig auf den Vorabend von Allerheiligen. Der 31. Oktober stand in Europa deshalb lange in einem religiösen Zusammenhang mit Heiligkeit, Tod, Erinnerung und der Hoffnung auf ein Leben über den Tod hinaus.
Als Christ sehe ich wenig Sinn darin, ausgerechnet die kommerzielle und teilweise bewusst makabre Seite dieses Datums immer weiter auszubauen. Interessanter wäre für mich eine Rückbesinnung auf jene Fragen und Werte, die hinter diesen alten Fest- und Gedenktagen stehen: Wie gehen wir mit Tod und Vergänglichkeit um? Was bedeuten Schuld und Vergebung? Wie begegnen wir Angst? Welche Verantwortung tragen wir gegenüber anderen Menschen? Und wo finden wir Hoffnung?
Dass der 31. Oktober zugleich zum Reformationstag wurde, fügt diesem Datum eine weitere christliche Dimension hinzu. Am 31. Oktober 1517 brachte Martin Luther seine 95 Thesen in Umlauf. Das ist keine Zürcher Erfindung und zunächst auch keine Zürcher Geschichte. Doch genau an dieser Stelle erhält der übergeordnete europäische Zusammenhang für Zürich eine besondere lokale Bedeutung: Nur wenige Jahre später entwickelte sich hier mit Huldrych Zwingli ein eigenständiges Zentrum der Reformation, das die religiöse und gesellschaftliche Identität der Stadt dauerhaft veränderte.
Zürich ist deshalb nicht der Ursprung des 31. Oktober und auch nicht der Ursprung von Halloween.
Die Stadt bietet vielmehr ein hervorragendes Beispiel dafür, wie sich die grossen europäischen Themen dieses Datums lokal spiegeln: mittelalterliche Heiligenverehrung, Erinnerung an die Toten, Reformation, Pest, Vorstellungen von Schuld und Sünde sowie später auch die dunklen Auswüchse von Angst und Aberglauben in den Hexenprozessen.
Gerade deshalb möchte ich den kommerziellen Halloween-Gedanken nicht weitertragen. Ich finde es spannender und sinnvoller, den Abend zum Anlass zu nehmen, Geschichte, Erinnerung und christliche Grundwerte wieder in den Vordergrund zu stellen. Nicht, indem man Vergangenheit romantisiert, sondern indem man sich auch ihren Abgründen stellt.
Die Zürcher Hexenprozesse liefern dafür ein eindringliches Beispiel. Menschen wurden ausgegrenzt, beschuldigt, gefoltert und getötet, weil Angst, Gerüchte und vermeintliche Gewissheit stärker wurden als Barmherzigkeit und die Bereitschaft, das eigene Urteil zu hinterfragen. Gerade aus christlicher Sicht lohnt es sich, darüber nachzudenken.
So verstanden ist der 31. Oktober für mich kein Anlass, das Dunkle zu feiern. Er ist ein Anlass, sich mit ihm auseinanderzusetzen.
Weniger Kommerz und künstlicher Grusel – dafür mehr Geschichte, Erinnerung, Verantwortung und Hoffnung.
Quellen und weiterführende Literatur
Primärquellen
Staatsarchiv des Kantons Zürich – Wasterkinger Hexenprozess 1701.Originale Akten zum letzten grossen Zürcher Hexenverfahren.Wasterkinger Hexenprozess im Staatsarchiv Zürich
Staatsarchiv des Kantons Zürich – «Beschreibung des mühsamen und bedauerlichen Wasterkingischen Unholden-Prozess», Abschrift 1743.Überlieferung von Prozessmaterial, Verhören und Ratsbeschlüssen zum Verfahren von 1701.Bestand zum Wasterkinger Prozess
Martin Luther – 95 Thesen, 1517.Ausgangspunkt der später mit dem 31. Oktober verbundenen Reformationserinnerung.Die 95 Thesen bei der EKD
Sekundärquellen und Forschungsgrundlagen
Stadtarchiv Zürich – «Hexenverfolgungen in Zürich».Grundlage zu Agatha Studler, Wasterkingen und dem Umfang der Zürcher Hexenverfolgungen.Stadtarchiv Zürich: Hexenverfolgungen in Zürich
Stadtarchiv Zürich – «Beginn und Durchsetzung der Reformation in Zürich».Zu Zwingli, Heiligenverehrung, Fegefeuer und der Rolle des Zürcher Rates.Stadt Zürich: Reformation in Zürich
Stadt Zürich, Archäologie – «Wasserkirche».Zu Felix und Regula sowie zu den archäologisch nachgewiesenen mittelalterlichen Bestattungen.Stadt Zürich: Wasserkirche
Stadt Zürich – «Lindenhof».Zur Geschichte des Lindenhofs und seiner teilweisen Nutzung als Friedhof bis ins 14. Jahrhundert.Stadt Zürich: Lindenhof
Stadt Zürich, Archäologie – «Ehgraben».Zur Entsorgung von Küchenabfällen und Ausscheidungen in der mittelalterlichen Altstadt.Stadt Zürich: Ehgraben
Stadt Zürich – «Meilensteine der Stadtentwicklung».Zur Zürcher Pest von 1519, zur Reformation und weiteren stadtgeschichtlichen Eckdaten.Stadt Zürich: Meilensteine der Stadtentwicklung
Reformierte Kirche Zürich – Geschichte von St. Peter.Zur mittelalterlichen Pfarrei, zu Leo Jud und zum reformierten Neubau von 1705/06.Reformiert Zürich: St. Peter – Geschichte und Bauwerk
Evangelische Kirche in Deutschland – zur historischen Diskussion um Luthers Thesenanschlag.EKD: Der Thesenanschlag und seine historische Einordnung
David Meili: Hexen in Wasterkingen. Magie und Lebensform in einem Dorf des frühen 18. Jahrhunderts. Basel 1979.
Paul Schweizer: «Der Hexenprozess und seine Anwendung in Zürich», in: Zürcher Taschenbuch, 1902, S. 1–63.
Nicole J. Bettlé: Wenn Saturn seine Kinder frisst. Kinderhexenprozesse und ihre Bedeutung als Krisenindikator. Bern 2013.



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