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Als Zürich verdurstete: Historische Dürreperioden vom «heissen Sommer» 1540 bis heute

Dürre und Hitze sind keine Erscheinungen unserer Zeit. Auch Zürich und das Schweizer Mittelland wurden in vergangenen Jahrhunderten immer wieder von ausbleibendem Regen, ausgetrockneten Böden, niedrigen Wasserständen und schweren Ernteausfällen getroffen.


Doch kein bekanntes Jahr sticht so deutlich hervor wie 1540. Der Zürcher Reformator Heinrich Bullinger erlebte damals einen Sommer, der selbst im Vergleich mit modernen Hitzewellen aussergewöhnlich erscheint. Seine Aufzeichnungen machen aus abstrakten Klimadaten eine unmittelbare historische Erfahrung.


Was ist eine Dürre?

Von einer Dürre spricht man nicht einfach dann, wenn es einige Wochen wenig regnet. Entscheidend ist das Zusammenspiel mehrerer Faktoren: Niederschlag bleibt über längere Zeit aus, die Temperaturen sind hoch, die Böden verlieren ihre Feuchtigkeit und Pflanzen, Wälder sowie landwirtschaftliche Kulturen geraten unter starken Stress.


Im Schweizer Mittelland konnten solche Perioden besonders schwere Auswirkungen haben. Ackerbau und Viehwirtschaft waren direkt von Niederschlag und natürlichen Wasserläufen abhängig. Moderne Bewässerungssysteme, überregionale Wasserversorgung oder rasche internationale Hilfslieferungen existierten nicht.


Dürre bedeutete deshalb nicht nur unangenehme Hitze. Sie konnte zu schlechten Ernten, Futtermangel, steigenden Lebensmittelpreisen, Krankheiten und existenzieller Not führen.


Frühe Dürreperioden im mittelalterlichen Europa

Für das Mittelalter sind präzise Wetterrekonstruktionen schwierig. Regelmässige Temperatur- und Niederschlagsmessungen gab es noch nicht. Historikerinnen und Historiker sind auf Chroniken, Ernteberichte, Preislisten, Baumringe, Wasserstandsmarken und andere indirekte Hinweise angewiesen.


Für die Jahre 1302 bis 1307 hat die Forschung eine aussergewöhnlich warme und trockene Phase in Mitteleuropa rekonstruiert. Ob und wie stark die Stadt Zürich in jedem einzelnen dieser Jahre betroffen war, lässt sich aufgrund der dünnen lokalen Quellenlage jedoch nicht zuverlässig bestimmen.


Erst im 16. Jahrhundert werden die Berichte ausführlicher. Gerade Zürich besitzt mit den Aufzeichnungen Heinrich Bullingers eine aussergewöhnlich wertvolle Quelle.


1540: Der «heisse Sommer» Heinrich Bullingers

Heinrich Bullinger war seit 1531 Nachfolger Huldrych Zwinglis am Grossmünster und eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der Zürcher Reformation. In seinem Diarium hielt er nicht nur kirchliche, politische und persönliche Ereignisse fest. Er notierte auch aussergewöhnliche Natur- und Wettererscheinungen.


Seinen Bericht über das Jahr 1540 überschrieb er unmissverständlich:

«Der heiss summer.»

Was danach folgt, gehört zu den eindrücklichsten Wetterbeschreibungen der Zürcher Geschichte.


Bullinger schreibt, das Jahr sei «fürchterlich, heiss und dürr» gewesen. Die Trockenheit habe im Februar begonnen und bis weit in den Herbst angehalten. Zwischen Februar und Ende September habe es in Zürich nach seiner Erinnerung nur an sehr wenigen Tagen geregnet. Die moderne Klimaforschung kommt anhand zahlreicher europäischer Quellen ebenfalls zum Schluss, dass die Hitze und Dürre von 1540 fast ein ganzes Jahr anhielten.


Brunnen versiegten und Mühlen standen still

Bullingers Bericht zeigt, wie unmittelbar die Dürre den Alltag der Menschen traf.

Er schreibt, Bäche, Quellen und Brunnen seien versiegt. In manchen Gegenden habe man in trockenen Bachbetten tief graben müssen, ohne auf Wasser zu stossen. Auch die Wassermühlen wurden zum Problem. Fehlte das Wasser, konnten die Mühlräder nicht mehr angetrieben werden. Damit wurde auch das Mahlen des Getreides erschwert.

Bullinger berichtet, dass die Mühlen teilweise stillstanden. Andere mussten ihr Wasser mit benachbarten Anlagen teilen. Für eine Stadt, deren tägliche Lebensmittelversorgung von funktionierenden Mühlen abhängig war, war dies eine ernste Gefahr.


Die Dürre war deshalb nicht nur eine landwirtschaftliche Krise. Sie traf die gesamte Versorgungsstruktur.


Der Rhein wurde zum Rinnsal

Auch die grossen Flüsse führten 1540 aussergewöhnlich wenig Wasser. Rekonstruktionen gehen davon aus, dass der Rhein zeitweise nur noch einen kleinen Bruchteil seiner üblichen Wassermenge führte.


Aus verschiedenen Regionen Europas wird berichtet, dass Flüsse durchwatet werden konnten, Schiffe nicht mehr fahren konnten und bisher überschwemmte Flächen trocken lagen. In Basel soll das Überqueren des Rheins zu Fuss stellenweise möglich gewesen sein. Beim Rheinfall nahm das sonst gewaltige Donnern des Wassers dramatisch ab.


Auch der Bodensee sank stark. Trockengefallene Uferzonen wurden sichtbar, und Menschen suchten auf dem freigelegten Grund nach alten Münzen und Gegenständen.

Die internationale Forschungsdatenbank Euro-Climhist beurteilt 1540 als eine einzigartige, rund elf Monate dauernde Hitze- und Dürreperiode. Selbst der europäische Hitzesommer 2003 wurde in Dauer und Ausmass von 1540 übertroffen.


Der Metzgerstein: Wenn die Limmat ihren Felsen freigab

Auch die Limmat besass früher ein sichtbares Zeichen für aussergewöhnlich niedrige Wasserstände: den sogenannten Limmatstein, der später vor allem als Metzgerstein bekannt wurde.


Der grosse Findling lag wenige Meter unterhalb der heutigen Rathausbrücke, die damals als Untere Brücke bezeichnet wurde. Bei normalem Wasserstand blieb der Stein weitgehend unter der Oberfläche verborgen. Sank die Limmat jedoch stark ab, ragte er als breite, nahezu ebene Felsplatte aus dem Fluss.


Der Metzgerstein war damit gewissermassen ein natürlicher Niedrigwasseranzeiger mitten in Zürich. Anders als die düsteren Hungersteine an der Elbe trug er zwar keine eingemeisselte Warnung. Doch sein Erscheinen zeigte den Zürcherinnen und Zürchern deutlich, dass der Wasserstand aussergewöhnlich tief lag.


Ein Trinkgelage mitten in der Limmat

Eine besonders anschauliche Episode ist aus dem Jahr 1585 überliefert. Am 10. Februar trafen sich Gerber und Metzger zu einem Abendtrunk auf dem freiliegenden Limmatstein. Der Wasserstand war so niedrig, dass auf der Felsplatte genügend Platz für Tische und Bänke vorhanden war.


Fünf Bürger und der Wirt des traditionsreichen Gasthauses «Zum Schwert» spendierten den Wein. So wurde mitten im Fluss gegessen und getrunken. Eine zeitgenössische Darstellung aus der Zürcher Wickiana-Sammlung zeigt die ungewöhnliche Szene: Auf dem Stein stehen Tische und Bänke, während ringsum die Limmat vorbeifliesst. Zu erkennen sind ausserdem ein Fischerhüttchen mit Reusen, ein Schöpfrad an der Brücke und ein Gerber, der am Wasser arbeitet.


Historische Darstellung des Metzgersteins in der Limmat mit einer Gesellschaft auf dem freiliegenden Felsen, Zürich 1585.

Quelle: Zentralbibliothek Zürich, Wickiana, Ms. F 33, fol. 24v, 1585. Gemeinfrei.
Auf dem Metzgerstein in der Limmat wird während der Trockenheit von 1585 ein Trinkgelage veranstaltet. Chronik von Johann Jakob Wick ("Wickiana") um 1585. (Zentralbibliothek Zürich)

Das Ereignis ist ein eindrücklicher Beleg dafür, wie unmittelbar die Menschen den Wasserstand der Limmat wahrnahmen. Der Fluss war nicht bloss Teil des Stadtbildes. Er trieb Mühlen und Schöpfräder an, diente Fischern, Gerbern, Metzgern und anderen Gewerben und war zugleich Verkehrsweg, Arbeitsplatz und Abwasserkanal.

Allerdings darf der Abendtrunk von 1585 nicht ohne weitere Belege als Folge einer grossräumigen Dürre bezeichnet werden. Ein niedriger Wasserstand im Februar konnte auch mit winterlichen Abflussverhältnissen oder der damaligen Regulierung von Zürichsee und Limmat zusammenhängen. Die Geschichte zeigt aber, wie stark der Pegel früher schwanken konnte und wie sichtbar Niedrigwasser im Zentrum Zürichs wurde.


Vom Treffpunkt zum Hindernis

Der mächtige Findling hatte für die Schifffahrt auch Nachteile. Boote mussten ihm ausweichen, und bei ungünstigem Wasserstand wurde er zu einem gefährlichen Hindernis.


Deshalb wurde der Metzgerstein 1823 zur Erleichterung der Schifffahrt weitgehend zertrümmert. Beim Neubau der Rathausbrücke sprengte man 1881 auch seine letzten sichtbaren Reste weg. Heute ist der Felsen aus dem Stadtbild verschwunden. Die Stadtarchäologie hält es jedoch für möglich, dass sich noch Trümmer davon im Flussbett befinden.


Im Stadtarchiv Zürich ist zudem ein Plan aus dem Jahr 1740 überliefert, der die Untere Brücke und den «grossen Stein in der Limmat» dokumentiert. Eine historische Druckgrafik zeigt Küfer bei der Arbeit auf dem breiten Felsen. Der Metzgerstein war somit nicht nur eine lokale Kuriosität, sondern über Jahrhunderte ein bekannter Bestandteil des Zürcher Flussraums.


Der verschwundene Stein ergänzt die Geschichte der Zürcher Trockenzeiten um ein besonders greifbares Bild: Wenn das Wasser der Limmat so weit zurückging, dass mitten im Fluss Tische und Bänke aufgestellt werden konnten, wurde Niedrigwasser zu einem öffentlichen Ereignis.


Historische Radierung von 1740 mit Küfern bei der Arbeit auf dem grossen Limmatstein unterhalb der damaligen Unteren Brücke in Zürich.

Bildnachweis:
Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv, STF III, 37: Vorstellung des grossen breiten Steins unter der unteren Brugk, 1740. Radierung nach einer Vorlage von Johann Caspar Ulinger, erschienen bei Johann Heinrich Freytag. Gemeinfrei.
Kupferstich von Johann Caspar Ulinger Rathausbrücke im Jahre 1740: in der Mitte das Schöpfrad, dahinter der Wellenbergturm; links das Rathaus, rechts das Hotel zum Schwert.


Trockene Böden und gefährliche Brände

Die anhaltende Trockenheit verstärkte die Hitze zusätzlich. Feuchte Böden geben durch Verdunstung Wasser an die Atmosphäre ab und wirken dadurch kühlend. Wenn Böden vollständig austrocknen, fällt dieser Effekt weitgehend weg.

Die Erde bekam tiefe Risse. Wiesen verdorrten, Bäume verloren bereits im Sommer ihre Blätter und Wälder gerieten leicht in Brand. Rauch konnte tagelang über den Landschaften liegen.


Aus zahlreichen europäischen Chroniken sind schwere Stadt- und Waldbrände überliefert. In einer Zeit, in der viele Häuser aus Holz bestanden und offene Feuerstellen zum Alltag gehörten, war jede kleine Flamme eine Gefahr.

Bullinger berichtet auch, dass das Wasser in Seen und Flüssen warm wurde. Fische starben, und kleinere Gewässer trockneten teilweise vollständig aus.


Eine ungewöhnliche Weinernte

Nicht alle Folgen der Hitze waren auf den ersten Blick negativ. Der Wein gedieh aussergewöhnlich gut. Bullinger beschreibt einen sehr frühen Beginn der Weinlese und einen besonders süssen, kräftigen Wein.


Die Trauben enthielten wegen der Trockenheit wenig Wasser, dafür aber viel Zucker. Der daraus gewonnene Wein war hoch konzentriert. In verschiedenen Chroniken entstand später sogar die Erzählung, Wein aus dem Jahr 1540 sei noch Jahrhunderte danach trinkbar gewesen.


Für die allgemeine Ernährungslage war dies allerdings kaum ein Trost. Wein konnte fehlendes Getreide, verdorrtes Gras und ausbleibendes Tierfutter nicht ersetzen.


Rebberg Bürgli in Zürich-Enge mit grünen Rebzeilen an einem sonnigen Hang.

Bildnachweis:
Foto: Züri City Tours, Bruno Stehli.
Der Rebberg Bürgli in Zürich-Enge. Vielleicht wuchsen auch an diesem sonnigen Hang bereits 1540 jene besonders süssen Trauben, aus denen Heinrich Bullinger den aussergewöhnlich kräftigen Wein des «heissen Sommers» beschrieb – belegt ist dies für diese konkrete Parzelle allerdings nicht.

Krankheit, Hunger und Angst

Die Hitze traf die Menschen auch gesundheitlich. Sauberes Trinkwasser wurde knapp. In stehenden oder stark erwärmten Gewässern verschlechterte sich die Wasserqualität. Krankheiten konnten sich leichter ausbreiten.


Chroniken berichten von Durchfallerkrankungen und der Ruhr. Gerade bei grosser Hitze führten solche Erkrankungen rasch zu lebensgefährlicher Austrocknung.

Gleichzeitig verschärften schlechte Ernten die soziale Not. Nahrung wurde teurer, Vieh musste teilweise geschlachtet werden, weil das Futter fehlte, und arme Bevölkerungsschichten gerieten besonders schnell in Bedrängnis.

Extreme Wetterereignisse wurden damals zudem religiös interpretiert. Dürre, Feuer, Hunger und Krankheit galten vielen Menschen als göttliche Warnung oder Strafe. Bittgebete und Prozessionen sollten den ersehnten Regen herbeiführen.


1616: Eine weitere schwere Dürre

Nur wenige Jahrzehnte später wurde Mitteleuropa erneut von einer aussergewöhnlichen Dürre getroffen.


Der Sommer 1616 gilt neben 1540 als eines der schwersten historischen Dürreereignisse der frühen Neuzeit. Besonders gut dokumentiert ist er in Böhmen und im Gebiet der Elbe. Dort wurden bei extrem niedrigen Wasserständen sogenannte Hungersteine sichtbar.


Auf einem berühmten Stein im Flussbett der Elbe bei Děčín steht sinngemäss:

Wenn du mich siehst, dann weine.

Solche Steine waren Warnzeichen. Wurden sie sichtbar, bedeutete dies, dass der Wasserstand aussergewöhnlich tief war und schlechte Ernten, Hunger und wirtschaftliche Not drohten. In einer langen mitteleuropäischen Niederschlagsreihe wird die Dürre von 1616 unmittelbar hinter jener von 1540 eingeordnet.

Für Zürich sind die konkreten Auswirkungen von 1616 weniger anschaulich dokumentiert als für 1540. Die überregionale Wetterlage dürfte jedoch auch das Schweizer Mittelland betroffen haben.


Dürre im 19. Jahrhundert

Auch im 19. Jahrhundert kam es wiederholt zu Trockenperioden. Besonders schwer waren die Verhältnisse im Frühjahr 1843.


Mit dem Beginn systematischer meteorologischer Beobachtungen wurde die Entwicklung schrittweise besser dokumentiert. Das schweizerische Messnetz, aus dem später MeteoSchweiz hervorging, entstand 1864.

Für die Zeit davor helfen historische Quellen und rekonstruierte Klimareihen. Die Datenbank Euro-Climhist verbindet Chroniken, Ernteinformationen, hydrologische Beobachtungen und wirtschaftsgeschichtliche Angaben. Für Zürich ist beispielsweise eine Dinkelpreisreihe vorhanden, die bis 1540 zurückreicht. Solche Preisentwicklungen können Hinweise auf schlechte Ernten und Versorgungskrisen liefern, müssen aber immer zusammen mit weiteren Quellen betrachtet werden.


Die Dürrejahre des 20. Jahrhunderts

Im 20. Jahrhundert traten in der Schweiz mehrere intensive Sommerdürren auf. Zu den auffälligen Jahren gehörten unter anderem:

1911, 1921, 1934, 1945, 1947, 1949, 1950, 1952, 1959, 1976 und 1983.

Besonders einschneidend waren die Jahre 1947, 1949 und 1976.


Heu- und Getreideernten fielen teilweise stark aus. Bund und Kantone mussten Hilfsprogramme für besonders betroffene Landwirtschaftsbetriebe einrichten.

Der Sommer 1947 blieb in Zürich lange ein wichtiger Vergleichsmassstab. An der Messstation Zürich-Fluntern wurden damals zwölf Hitzetage hintereinander registriert – ein Rekord, der erst 2026 wieder erreicht wurde.


Dürre hatte inzwischen zusätzliche Auswirkungen. Neben Landwirtschaft und Trinkwasserversorgung wurde nun auch die Elektrizitätswirtschaft betroffen. Niedrige Fluss- und Seepegel beeinträchtigten die Produktion von Wasserkraft.


2003: Der moderne Jahrhundertsommer

Der Sommer 2003 brachte Europa eine aussergewöhnliche Hitzewelle. Auch Zürich war stark betroffen.


Statistik Stadt Zürich verglich die Sterblichkeit des heissen Sommers 2003 mit dem deutlich kühleren Sommer 2002. Bei Personen über 64 Jahren wurden 2003 12,3 Prozent mehr Todesfälle registriert.


Besonders gefährlich waren nicht nur einzelne extrem heisse Tage, sondern lange Serien von Sommertagen mit Temperaturen über 25 Grad. Je länger die Hitze anhielt und je weniger die Stadt nachts abkühlte, desto stärker stieg die gesundheitliche Belastung.

Der Vergleich mit 1540 zeigt dabei einen entscheidenden Unterschied: 2003 war extrem, aber zeitlich begrenzter. Die Trockenheit von 1540 zog sich dagegen nahezu über das gesamte Jahr hin.


Zürich im Hitzesommer 2026

Ende Juni 2026 erlebte Zürich erneut eine Hitzewelle von historischem Ausmass.

An der Messstation Zürich-Fluntern wurde am 27. Juni ein Tagesmaximum von 37,1 Grad gemessen. Damit fiel der bisherige Stationsrekord. Zugleich wurden zwölf Hitzetage in Folge verzeichnet – gleich viele wie im Rekordsommer 1947.

Noch deutlicher war die aussergewöhnliche Intensität über mehrere Tage hinweg: Zwischen dem 19. und 28. Juni lag das durchschnittliche Tagesmaximum in Zürich-Fluntern bei 34,5 Grad. Noch nie war in der Zürcher Messreihe eine zehntägige Periode derart heiss gewesen.


MeteoSchweiz weist darauf hin, dass Hitzewellen seit den 1980er-Jahren häufiger und intensiver geworden sind. Sie beginnen tendenziell früher, dauern länger und erreichen höhere Temperaturen. Besonders Städte sind betroffen, weil Gebäude, Strassen und Plätze tagsüber Wärme speichern und nachts wieder abgeben.


Historische Dürre ist kein Gegenargument zum Klimawandel

Die Dürre von 1540 zeigt, dass extreme Einzelereignisse auch vor der modernen Industrialisierung möglich waren. Daraus folgt jedoch nicht, dass der heutige Klimawandel unbedeutend wäre.


Ein einzelnes Extremjahr sagt wenig über einen langfristigen Klimatrend aus. Entscheidend ist die Häufigkeit solcher Ereignisse.


1540 blieb über Jahrhunderte ein singulärer Ausnahmefall. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts treten sehr heisse Sommer dagegen deutlich häufiger auf. Die historische Klimaforschung warnt deshalb vor zwei vereinfachenden Schlüssen: Nicht jede einzelne Hitzewelle kann isoliert als Beweis für den Klimawandel betrachtet werden. Gleichzeitig dürfen historische Extremereignisse nicht dazu benutzt werden, die heutige langfristige Erwärmung zu bestreiten.


Bullingers Bericht macht Klimageschichte sichtbar

Zahlen wie 37,1 Grad oder sechs Regentage wirken eindrücklich. Doch erst historische Augenzeugenberichte zeigen, was solche Bedingungen für die Bevölkerung tatsächlich bedeuteten.


Heinrich Bullinger beschreibt keine abstrakte Klimakurve. Er schildert versiegende Brunnen, stehende Mühlen, verdorrte Felder, sterbende Fische und Menschen, die verzweifelt nach Wasser suchten.


Sein Diarium führt uns mitten hinein in Zürichs «heissen Sommer» von 1540. Es zeigt eine Stadt, die in hohem Mass von ihrer natürlichen Umgebung abhängig war – von Regen, Bächen, Brunnen, Flüssen und fruchtbaren Böden.

Der Metzgerstein in der Limmat ergänzt dieses Bild um eine weitere konkrete Zürcher Erinnerung. Er machte tiefe Wasserstände mitten in der Stadt sichtbar und wurde in aussergewöhnlichen Momenten sogar zum Treffpunkt auf trocken gefallenem Flussgrund.


Fast fünf Jahrhunderte später verfügt Zürich über moderne Wasserversorgung, medizinische Versorgung, Wetterprognosen und Hitzeschutzpläne. Die Gefahr ist damit kleiner geworden, aber sie ist nicht verschwunden.

Die Geschichte der Zürcher Dürren erinnert uns daran, dass Wasser nie selbstverständlich war. Und dass selbst eine Stadt am See unter Hitze und Trockenheit leiden kann.


Quellen und weiterführende Literatur

  • Heinrich Bullinger: Diarium. Annales vitae der Jahre 1504–1574, herausgegeben von Emil Egli, Basel 1904, besonders der Abschnitt «Der heiss summer» zum Jahr 1540.

  • Euro-Climhist, Universität Bern: historische Wetter-, Klima- und Naturgefahrendaten.

  • Oliver Wetter, Christian Pfister u. a.: The Year-Long Unprecedented European Heat and Drought of 1540 – A Worst Case, 2014.

  • Statistik Stadt Zürich: Sommerhitze und Alterssterblichkeit, 2004.

  • MeteoSchweiz: Einordnung der Hitzewelle vom Juni 2026.

  • Zentralbibliothek Zürich, Wickiana: Darstellung und Bericht zum Abendtrunk der Gerber und Metzger auf dem Limmat- beziehungsweise Metzgerstein am 10. Februar 1585.

  • Stadtarchäologie Zürich: historische Einbauten und archäologische Untersuchungen im Bereich der Rathausbrücke.

  • Stadtarchiv Zürich, Signatur IX.O.1: Untere Brücke mit Umgebung und Angaben über den grossen Stein in der Limmat, 1740.

  • Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung, STF III, 37: Darstellung des Limmatsteins mit darauf arbeitenden Küfern, 1740.


 
 
 

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